Sektion 7: Zeichnungsforschung im digitalen Zeitalter
Samstag, 30. März 2019, 11:45–12:15 Uhr, ZHG, Hörsaal 104
Waltraud von Pippich, München

Rot rechnen

Zeichnungen sind heute zunehmend in digitalen Sammlungen für die Forschung einsehbar. Konsequenzen und Perspektiven der digital verfügbaren Korpora für die kunsthistorische Zeichnungsforschung werden in dem Vortrag „Rot rechnen“, Rötelforschung auf Pixelebene, erörtert. Die Software RedcolorTool leistet präzise Analysen der Farbigkeit in Bildern. Aufgezeigt werden im Vortrag die Potentiale der informatischen Analyse für die Zeichnungsforschung, die spezifischen Herausforderungen, Chancen und methodischen Fragen bei der Arbeit mit Digitalisaten, die Möglichkeiten der Materialforschung am Beispiel des Minerals Hämatit und schließlich die Desiderate digitaler Zeichnungsforschung. Es werden aktuelle Ergebnisse zu Rötelzeichnungen der italienischen Renaissance (Michelangelo) präsentiert und zur Diskussion gestellt.
Das digitale Bild ist als Digitalisat die Übersetzung eines Originals in ein reproduzierbares Konglomerat von Pixeln. Welche Kriterien und Qualitäten geraten bei der digitalen Bildanalyse, im Vergleich zu traditionellen Methoden, neu, anders oder weniger in den Fokus? Sind Kombinationen zu traditionellen Verfahren vorzuschlagen? Die Algorithmen zur Analyse der Farbigkeit in Bildern gewähren durch den quantifizierenden Zugang zum Farbkosmos und eine kalkulierte Subjekt-Objekt-Relation präzise Berechnungen zu Farbwerten und zudem ein metrisches Skalenniveau. Wie lassen sich Eigenheiten der Zeichnungskunst durch Beschreibungen farbformaler Eigenschaften erfassen? Was sind Fehlerquellen bei dem Versuch einer digitalen Annäherung an die Forschungsgegenstände, gemäß der Devise „Zu den Dingen“?
Gemäß dem Big-Data-Paradigma versprechen automatisierte Auswertungen von großen Datenmengen, bei entsprechendem Methodenbewusstsein und Reflexion der Erkenntnisgrundlagen und des Erkenntnisprozesses, Wissensgewinn. Seit den urheberrechtlichen Neuerungen zum Text und Data Mining sind einigen der informatischen Methoden auch für die Grundlagenforschung der Weg entscheidend geebnet. Für die Zeichnungsforschung wurden Forschungsagenden und systematische Zugänge zu großen Bildkorpora mittels direkter informatischer Bildadressierung bislang noch nicht formuliert. „Rot rechnen“ gibt Einblicke in die aktuelle Zeichnungsforschung und öffnet die Darstellungen schließlich zur Diskussion.
Kurzbiografie Waltraud von Pippich
2001–2007Studium der Kunstgeschichte, Philosophie, Logik und Wissenschaftstheorie und Rechtswissenschaften in München, Rom und Berlin (Magisterarbeit: „Max Klinger und Arthur Schopenhauer. Der philosophierende Künstler und der kunstvolle Philosoph“)
2005–2011Jura-Studium in München, Schwerpunktbereich Wettbewerbsrecht, Immaterialgüterrecht und Medienrecht
2010–2015Wiss. Mitarbeiterin in der Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung e.V., Zentrale München, Direktion Recht und Verwertung
seit 2012Projekt „Rot rechnen“
seit 2012Kooperation mit dem Heidelberg Collaboratory for Image Processing, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Ommer-Lab, zu Methoden der digitalen Bildanalyse
2014Stipendiatin der European Association for Digital Humanities (EADH)
seit 2015Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD, Abt. Informationsvisualisierung und Visual Analytics, zu Methoden der digitalen 2D- u. 3D-Visualisierung von Farbräumen und Farbmodellen
aktuellDissertationsprojekt an der LMU München (Thema: „Ironie und Bild“)
Forschungs- bzw. Arbeitsschwerpunkte Ästhetik und Kunsttheorie; deutsche Malerei des 19. Jh.s; Farbforschung und Methoden der Farbanalyse; kulturhistorische Bedeutung und Semantik der Farbe Rot; Geschichte und Theorie der Karikatur
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