Berufsgruppe Hochschulen und Forschungsinstitute
Freitag, 29. März 2019, 14:20–14:45 Uhr, ZHG, Hörsaal 008
Carolin Bohlmann, Berlin

Konservierungspraxis: Zur Materialität der Objektbiografien

Der praktische Umgang mit musealen Sammlungen und die Arbeit der Restauratoren in einem Museum – ihr Wissen, ihr Handeln und die von ihnen durchgeführten Restaurierungsmaßnahmen – sind noch immer weitgehend der Sichtbarkeit entzogen. Dieser Bereich mit all seinen Funktionen, Aufgaben, Abläufen und Zielen ist jedoch zentraler Bestandteil des Museumsuniversums und verbindet über die Objekte Wissen, Techniken und die Handlungsmacht unterschiedlicher Akteure. Ein umfassenderes Verständnis der Vernetzung zwischen den beteiligten Aktanten, Instanzen und Institutionen eröffnet ein neue und andere Sicht auf das Wissen um die Objekte. Aber obwohl sich institutionelle und individuelle Interessen in universitären und musealen Forschungsprojekten stark überschneiden, sind sie noch viel zu selten aufeinander abgestimmt.
Die Aufgaben der Museen zielen auf den Erwerb, die Ausstellung und den Schutz ihrer Sammlungen sowie die öffentliche Bildung – kunsttechnologische Sammlungsforschung findet man hierbei selten: Es gibt kaum Forschungsprojekte, die nicht mit Ausstellungs- oder Konservierungsmaßnahmen verbunden sind. Hierbei haben Restauratoren in den seltensten Fällen Unterstützung für ihre Forschung und Dokumentation.
Neben den Objekten/Artefakten verwahren die Museen die Archive mit den zu den Objekten zugehörigen Biografien, historischen Belegen, Zertifikaten, Installationshistorien und Werkgenesen, die genauso zu dem Werk gehören wie Materialoberflächen, Installation Manuals sowie Monitoring der Licht- und Klimaverhältnisse. Restauratoren sind hierbei die Schnittstelle zu Material, Herstellung, Technik, Wiederaufführung und Bewahrung – dieses Wissen um die Praktiken ist sowohl für die langfristige Erhaltungsstrategie und museale Sammlungsgeschichte von Bedeutung als auch für die kunsthistorische Interpretation und Forschung.
Das Ziel des Beitrags ist es, ein Modell für die Zusammenarbeit von Konservatoren in Museen und Universitätsinstituten und Studierenden in gemeinsamen Forschungsprojekten vorzustellen, auch im Hinblick auf strukturelle und logistische Probleme, die mit der gemeinsamen Forschung an Museen und Universitäten verbunden wären. Eine solche kooperative Universitäts- und Museumsforschung, an deren Konzeption in anderen Ländern bereits sehr viel eingehender gearbeitet wird, könnte ein Pilotprojekt sein, das, indem es institutionsübergreifende Forschung leistet, langfristig für alle Beteiligten eine Perspektive darzustellen vermag.
Kurzbiografie Carolin Bohlmann
1980–1984Ausbildung zur Restauratorin in Athen, Braunschweig und Wien
1984–1990Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Literaturwissenschaft in Wien und Berlin (Magisterarbeit: „Zum Wandel in der Antikenergänzungspraxis im 18. Jahrhundert in Rom“)
1996Promotion an der Technischen Universität Berlin („Tintorettos Maltechnik. Zur Dialektik von Theorie und Praxis“)
1997Restauratorin der documenta x
1998–1999Restauratorin am Kunstmuseum Wolfsburg
seit 2000Restauratorin am Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, Nationalgalerie
Forschungs- bzw. Arbeitsschwerpunkte Restauriergeschichte; Kunsttechnologie; Materialtheorie
Publikationsauswahl
  • Tintorettos Maltechnik. Zur Dialektik von Theorie und Praxis, München 1998.
  • (Hg. mit Thomas Fink und Philipp Weiss) Lichtgefüge in Kunst und Naturphilosophie des 17. Jahrhunderts – Rembrandt und Vermeer, München 2008.
  • (mit Eva Riess) Spuren sichern. Vom restauratorischen Umgang mit Werkspuren bei der Konservierung der 100 Bildtafeln aus der Installation Richtkräfte einer neuen Gesellschaft 1974–77 von Joseph Beuys, in: Beiträge des VdR I/2015, S. 17–28.
  • E wie Erhalten – ein Blick hinter die Kulissen, in: Marzona A–Z, Berlin 2017.
  • Vergänglichkeit für die Ewigkeit. Zur Konservierung moderner und zeitgenössischer Kunst, in: Paragrana. Zeitschrift für Historische Anthropologie 2018, S. 99–116.