Berufsgruppe Denkmalpflege
Freitag, 29. März 2019, 9:15– 9:40 Uhr, ZHG, Hörsaal 009
Jan Richarz, Aachen

„Das Gesicht aller Gebäude wird wechseln.“

Kein Monat vergeht, in dem nicht jemand fragt: „Brauchen wir Rekonstruktionen von Schlössern und alten Stadtzentren - heute?“ Wie sich die Zeiten gleichen: „Kulissenschieberei!“ „Tapetenstädte!“ „Collagearchitektur!“ Groß war der Aufschrei als die Stadtsanierungen der 60er und 70er über die Bundesrepublik rollten und viele Städte ihre alten Gebäude einlagerten, um sie später an anderer Stelle wieder aufzubauen. Oft wurden nur die Fassaden appliziert, während dahinter vollständige Neubauten errichtet wurden. Diese neuen und doch alten Bauwerke sind heute wenig beachtet. Sie sind unbequem, man sieht falsch verstandene Denkmalpflege und eine bewusste Täuschung in ihnen. Zuweilen sind sie im Stadtbild unscheinbar und unbekannt. Sie bilden dennoch einen wesentlichen Bestandteil unserer Altstädte und diesen gilt es zu schützen. Weniger bekannt ist, dass dieses Verfahren durchaus üblich war. Bereits seit 1895 wurde die Sammlung von Gebäudeteilen und deren Wiederverwendung wiederholt propagiert und oft angewendet. Die Kriegszerstörungen ließen dann nach 1945 die Sammlung zur denkmalpflegerischen Notwendigkeit werden. Die bekannten Beispiele sind Hannover, Braunschweig oder etwa das Berliner Ephraimspalais. Die weitaus größte Masse an versetzten Fassaden findet sich in Aachen mit über 50 Bauwerken und weiteren 100, die heute dem Dornröschenschlaf verfallen sind.
Die Aachener Denkmalpflege sucht seit der Einführung des Denkmalschutzgesetzes nach einem Umgang mit diesen Bauwerken. Manche wurden 1981 als Denkmal eingetragen, bei anderen nur einzelne Stücke und wieder andere, zumal später fertig gestellte Gebäude gar nicht. Welche Begründungen gibt es nun für eine Unterschutzstellung? War das Vorgehen damals reine Denkmalpflege oder städtebaulich motiviert? Was ist die architektonische Aussage? Vorweg: Sie sind alle Kinder ihrer beiden Zeiten.
Der Vortrag wird deutlich machen, dass das Vorgehen in Aachen kein Einzelphänomen ist, sondern auch der europäische Vergleich angebracht ist. Er wird einen Überblick über die Motivation hinter den Versetzungen geben, konkrete Beispiele aufzeigen und die aktuelle denkmalpflegerische Einschätzung der damaligen gegenüberstellen.
Die im Beitrag dargestellten Punkte sind das Ergebnis einer langjährigen Dissertationsarbeit zum Aachener Wiederaufbau, einem dreijährigen DFG-Projekt zur bundesweiten Betrachtung von „Translozierung als Mittel der Stadtgestaltung“ und einer freiberuflichen Beschäftigung mit der Eintragung von Denkmälern.
Kurzbiografie Jan Richarz
2000–2009Studium des Bauingenieurwesens, der Baugeschichte, Geschichte und Politischen Wissenschaft in Aachen
seit 2009freiberufliche Tätigkeit als Bauhistoriker und Bauforscher
2009–2011Wiss. Volontär im LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum, Pulheim-Brauweiler, Schwerpunkt: Architekturüberlieferung, Architektennachlässe
seit 2013Wiss. Mitarbeiter am Lehr- und Forschungsgebiet Denkmalpflege und Historische Bauforschung an der RWTH Aachen
seit 2013Bachelorstudium Bauingenieurwesen im Fernstudium, Technische Universität Dresden
Forschungs- bzw. Arbeitsschwerpunkte Architektur, Stadtplanung und Denkmalpflege seit 1945; Bauforschung an Architektur aller Epochen; Rekonstruktion und Translozierung im Städtebau; Archäologie der römischen Provinzen
Publikationsauswahl
  • Die Baugeschichte der Klinik Bedburg-Hau, in: W. Schaffer (Hg.), 100 Jahre LVR-Klinik Bedburg-Hau: Von der Provinzial-Heil-und-Pflegeanstalt zur LVR-Klinik. Festschrift zum 100-jährigen Bestehen 1912–2012, Essen 2012, S. 15–54.
  • Der Werknachlass Leo Hugots, in: C. Raabe und H. G. Horn (Hgg.), Leo Hugot. Der Mensch. Seine Zeit. Sein Nachlass, Aachen 2014, S. 19–29.
  • Baugeschichte um die Jahrhundertwende – modern und weltoffen. Brüche in der Psychatrie; Kunst und Psychiatrie, in: Moderne. Weltkrieg. Irrenhaus, 1900–1930, Essen 2014, S. 25–44.
  • E-Heritage: 3D Digitalisierung eines Architekten- und Archäologennachlasses – Das Projekt NACHHUGOT, in: Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz (Hg.), EVA Berlin 2017: elektronische Medien & Kunst, Kultur und Historie, S. 189–194.
  • Der architektonische Wiederaufbau der Stadt Aachen ab 1944/45, in: Els Herrebout et al. (Hgg.): Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg im belgisch-deutschen Grenzland, Brüssel 2018, S. 57–82.