Objekt Buch. Zur Dinglichkeit des Codex in Mittelalter und Früher Neuzeit

Leitung: Tina Bawden, Berlin / Karin Gludovatz, Berlin

Der mittelalterliche Codex ist nicht einfach eine Bündelung von Texten und Bildern, sondern weit mehr als die Summe seiner Teile und Inhalte: ein nur in seiner Gesamtheit zu erfassendes Objekt. Entsprechend ist der Codex auf Gebrauch hin ausgerichtet: Seine Handhabe wird ebenso durch materielle Voraussetzungen bestimmt wie durch formale Konventionen und Kulturtechniken geleitet, die in diesem Format (weiter-)entwickelt wurden. Dazu gehören die Strukturierung und Erschließbarkeit von Inhalten anhand von spezifischen Ordnungseinheiten wie der Seite bzw. Doppelseite und Praktiken wie das Blättern oder die (rituell eingebundene) Präsentation, Weitergabe und Umgestaltung des Buches. Fragen der Materialität, der Produktion und Nutzung von Codices und deren Inhalten sind unter der Perspektive der Dinglichkeit nicht sinnvoll zu trennen.
Die Sektion nähert sich dem Buch als Objekt daher auf drei Ebenen: Die erste betrifft die materielle Konstitution des Buches und damit Veränderungen an Inhalt, Buchkörper und Einband, mit Zusätzen und Objektkombinationen wie Reliquien und Buchdeckeln. Die zweite Ebene ist dem Gebrauch oder Umgang mit Codices, den durch das Format gegebenen Voraussetzungen und dadurch geprägten Konventionen gewidmet. Dabei sollen auch Aspekte wie die Tragbarkeit des Buches und sein darüber gegebenes aktives Verhältnis zu Räumen und Orten in religionshistorischen und persönlichen Zusammenhängen diskutiert werden. Die dritte Ebene betrifft die Autorität eines Buches oder einer Buchtradition und die Frage, wie diese einerseits durch gliedernde Elemente oder Konventionen der Ausstattung, andererseits durch Praktiken im Umgang mit dem Buch hergestellt oder gesteigert wird.

Kurzbiografie Tina Bawden
1999–2003Studium der Philosophie, Englischen Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Glasgow und Florenz (Masterarbeit: „The Last Judgement Pier of Orvieto Cathedral Reconsidered“)
2010Promotion an der Justus-Liebig-Universität Gießen („Zwischen Diesseits und Jenseits. Die Schwelle als Bildmotiv und Bildort im Mittelalter“)
2011–2012Wiss. Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte der Universität Gießen
2012–2014Post-doctoral Fellow am Exzellenzcluster 264 „TOPOI“ im Teilprojekt C-4-3 „Buch und Raum im (frühen) Mittelalter“, Freie Universität Berlin
2014–2016Dahlem International Network Postdoc an der FU Berlin und Fellow an der University of Leeds
seit 2016Wiss. Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Neuere Kunstgeschichte, Kunsthistorisches Institut der FU Berlin
Forschungs- bzw. Arbeitsschwerpunkte Frühmittelalterliche illuminierte Handschriften; Raumdarstellung und Raumwahrnehmung im Mittelalter; Schwellen und Übergänge
Publikationsauswahl
  • Die Schwelle im Mittelalter: Bildmotiv und Bildort (Sensus. Studien zur mittelalterlichen Kunst 4), Köln 2014.
  • The Relationship between Letter and Frame in Insular and Carolingian Manuscripts, in: Michelle P. Brown et al. (Hgg.), Graphic Devices and the Early Decorated Book, Woodbridge 2017, S. 143–162.
  • Observations on the Topological Functions of Color in Early Medieval Christian Illuminated Manuscripts, in: David Ganz und Barbara Schellewald (Hgg.), Clothing Sacred Scriptures, voraussichtlich Berlin 2018.
Kurzbiografie Karin Gludovatz
1990–1999Studium der Kunstgeschichte, Soziologie und Klassischen Archäologie in Wien und Hamburg (Magisterarbeit über die Signaturen Jan van Eycks)
1997–2000Studienassistentin bzw. wiss. Assistentin am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien
2001–2003Doktorandin im Graduiertenkolleg „Praxis und Theorie des künstlerischen Schaffensprozesses“, Universität der Künste Berlin
2003–2009Wiss. Mitarbeiterin am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin
2004Promotion an der Universität Wien („Fährten legen – Spuren lesen. Die Künstlersignatur als poietische Referenz“)
2009Vertretungsprofessorin am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg
2009–2012Juniorprofessorin am Kunsthistorischen Institut der FU Berlin
seit 2012Professorin für Neuere europäische Kunstgeschichte (14.–18. Jh.) am Kunsthistorischen Institut der FU Berlin
Forschungs- bzw. Arbeitsschwerpunkte Bildkünste in den Niederlanden und England (14.–17. Jh.); Konzepte des Tafelbildes im 15. Jh.; Materialität, Medialität und Topologie des spätmittelalterlichen Codex; Formen, Funktionen und Theorien des Nebensächlichen; Schriftbildlichkeit, insbes. in Bezug auf die Künstlersignatur
Publikationsauswahl
  • (mit Michaela Krieger) La contesse de Bar, Jean le Noir, enlumineur, et Bourgot, sa fille, enlumineresse de livres. Zu Konzeption und Ausführung der „Heures de Flandre“, in: Jahrbuch des Wallraf-Richartz-Museums LXIV (2003), S. 83–124.
  • Der Name am Rahmen, der Maler im Bild. Künstlerselbstverständnis und Produktionskommentar in den Signaturen Jan van Eycks, in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte LIV (2005), S. 115–175.
  • Fährten legen – Spuren lesen. Die Künstlersignatur als poietische Referenz, München/Paderborn 2011.
  • Das Malen lieben. Rembrandt und der poietische Akt, in: David Nelting et al. (Hgg.), Poiesis. Praktiken der Kreativität in den Künsten der Frühen Neuzeit, Berlin/Zürich 2013, S. 307–325.
  • Der Augenzeuge. Gerard Ter Borch und „Die Beschwörung des Friedens von Münster“, in: Uwe Fleckner (Hg.), Bilder machen Geschichte. Historische Ereignisse im Gedächtnis der Kunst, Berlin 2014, S. 171–183.