Dinge von Belang: Modell-Architektur und Dominanzkultur

Leitung: Dietrich Erben, München / Brigitte Sölch, Florenz/Stuttgart

Das Modell ist in der Architekturforschung als Entwurfs-, Rekonstruktions- und Repräsentationsmedium, aber auch als Sammlungsgegenstand präsent. Die Referate der Sektion nehmen diese vielfältigen medialen Funktionen zum Ausgangspunkt, stellen sie jedoch in medienkritischer Absicht in den Kontext von gesellschaftlichen Macht- und Deutungs­ansprüchen. Auch wenn der Objektstatus von Architektur zugunsten von Bildwirkungen und Nutzungsprozessen derzeit fragwürdig wird, rücken Architekturmodelle als dingliche Artefakte zwar in neue Wahrnehmungs- und Wirkungszusammenhänge, sie scheinen jedoch historisch weit zurückreichende Charakteristiken weiterhin hartnäckig  zu bewahren: So wie Architekten und Machthaber bei Entwurf und Planung räumlich-territoriale Zukunftsvisionen anhand von Modellen öffentlich diskutieren, medial inszenieren und damit die politische Dimension der Thematik demonstrieren, können musealisierte Architektur- und Stadtmodelle zur Legitimationsgrundlage für retrospektive Bauvorhaben, Geschichtsbilder und Wissensordnungen werden. Nicht selten gehen damit auch spezifische Vorstellungen ästhetischer, kultureller und zivilisatorischer Modernisierung einher, deren hierarchische Struktur die Sektion in den Blick nimmt.
Die Beiträge widmen sich konkreten institutionellen Zusammenhängen von Architektur im Modellformat und fragen nach entsprechenden Wissens­konstellationen und Repräsentations­absichten – etwa durch das Archivieren von Nachlässen, die Präsentation von Architekturmodellen in Architektur- und Kunst­sammlungen oder in Stadt-, Geschichts- und Militärmuseen und nicht zuletzt in den Entwurfsstudios der Architekturausbildung an Universitäten und Akademien. Ziel der Sektion ist es, Modell-Architekturen in ihren institutionellen Verflechtungen und gesellschaftlichen Bedingungen zu analysieren und ihren Anteil an der Ausbildung, Festigung oder auch Brechung von „Dominanzkulturen“ aufzuzeigen. Dies geschieht im Spannungsfeld eines Modellbegriffs, das sich zwischen den Polen von Erkenntnis- und Kommunikations­medium erstreckt. Denn das Architekturmodell ist einerseits theoretisches Erkenntnisinstrument im Sinne eines Idealtypus und andererseits Werkzeug der Visualisierung für das Postulat von Ideen und für den Disziplinierungs­anspruch gegenüber Menschen.

Kurzbiografie Dietrich Erben
1985–1994Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Literaturwissenschaft; Promotion an der Universität Augsburg
2000–2002Habilitation an der ETH Zürich
2003–2009Professor für Kunstgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum
seit 2009Inhaber des Lehrstuhls für Theorie und Geschichte von Architektur, Kunst und Design an der Technischen Universität München
Forschungs- bzw. Arbeitsschwerpunkte Kunst- und Architekturgeschichte seit der Frühen Neuzeit; politische Ikonografie; Architekturgeschichte und -theorie
Publikationsauswahl
  • (Hg. mit Christine Tauber) Politikstile und die Sichtbarkeit des Politischen in der Frühen Neuzeit, Passau 2016.
  • Architekturtheorie. Eine Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart, München 2017.
  • (Hg. mit Tobias Zervosen) Das eigene Leben als ästhetische Fiktion. Berufsautobiographien und Professionsgeschichte, Bielefeld 2018.
  • (Hg.) Das Buch als Entwurf. Textgattungen in der Geschichte der Architekturtheorie. Ein Handbuch, Paderborn, erscheint 2018.
Kurzbiografie Brigitte Sölch
1992–1998Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie und Psychologie in Augsburg und München
2001–2003Wiss. Volontärin am Museum für Neue Kunst | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe
2003Promotion („Francesco Bianchini (1662–1729) und die Anfänge öffentlicher Museen in Rom“), gefördert durch die Studienstiftung und die Gerda Henkel Stiftung
2003–2008Wiss. Assistentin am Lehrstuhl für Kunstgeschichte/Bildwissenschaft der Universität Augsburg und Dozentin im Studiengang „Historische Kunst- und Bilddiskurse“ des Elitenetzwerks Bayern
2008–2018PostDoc-Fellow bzw. wiss. Mitarbeiterin und Co-Projektleiterin („Ethik und Architektur“ / „Piazza e monumento“) am Kunsthistorischen Institut in Florenz
2016–2017Vertretungsprofessorin für Kunstgeschichte der Frühen Neuzeit mit dem Schwerpunkt Architektur an der Ruhr-Universität Bochum
2018Habilitation an der Humboldt-Universität zu Berlin („Das Forum – nur eine Idee? Versuch einer Problemgeschichte aus kunst-und architekturhistorischer Perspektive (15.–21. Jh.)“)
seit 2018Professorin für Architektur- und Designgeschichte / Architekturtheorie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart
2019Weinberg Fellow in Architectural History and Preservation an der Italian Academy of Advanced Studies, Columbia University New York
Forschungs- bzw. Arbeitsschwerpunkte Bild- und Architekturgeschichte mit Bezug zur (politischen) Ideengeschichte; Architektur und Öffentlichkeit (15.–21. Jh.); Sammlungs-, Wissenschafts- und Institutionengeschichte (17./18. Jh.)
Publikationsauswahl
  • Das Forum – nur eine Idee? Versuch einer Problemgeschichte aus kunst-und architekturhistorischer Perspektive (15.–21. Jh.), in: Mitteilungen der Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 6 (2017), S. 143–154.
  • Struggle for Democracy? Das Museum auf dem Weg in die Stadt, in: Kritische Berichte 2 (2018), S. 18–29.
  • Puget, Rembrandt, Dietterlin oder: Das semantische Potenzial der Stützfigur im Kontext der Wahrnehmung und Wirkung von Architektur, in: Sabine Frommel et al. (Hgg.), Construire avec le corps humain, Rom 2018, S. 253–265.
  • Stadt:Körper. Das Forum und die Vision sozialer und politischer Wirkmächte und Wirkkräfte in der Architektur, in: Frank Fehrenbach et al. (Hgg.), Kraft, Intensität, Energie. Zur Dynamik der Kunst, Berlin/New York 2018, S. 245–267.
  • (Hg. mit Elmar Kossel) Platz-Architekturen. Kontinuität und Wandel öffentlicher Stadträume vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart (Forschungsprojekt Piazza e Monumento III), erscheint Berlin/München 2018.