Konvolut – Ensemble – Objektkollektiv. Forschungsfragen zum Artefakt als Teil einer Gruppe

Leitung: Justus Lange, Kassel / Antje Scherner, Kassel

Die Beschäftigung mit dem Artefakt als einem „gegebenen“ Unikat zählt zu den verbreiteten Ansätzen in der universitären und musealen Forschung. Kunstwerke oder Gegenstände werden als Einzelobjekte untersucht, ausgestellt, inventarisiert oder restauriert. Diese Sichtweise unterschlägt jedoch, dass viele Artefakte im Laufe ihrer Objektbiografie keineswegs isoliert, sondern als Teile größerer Gruppen angesehen wurden. Druckgrafische Blätter oder Zeichnungen wurden zu Klebebänden zusammengestellt, Gemälde als Pendants gesammelt und gehängt, Werke der Schatzkunst zu unveräußerlichen Hausschätzen kombiniert oder Goldschmiedewerke zu ephemeren Schaubuffets arrangiert. Auch die museale Praxis kennt Phasen der Konvolutbildung über Gattungsgrenzen hinweg, etwa wenn eine „Bauernstube“ nach Idealvorstellungen des 19. Jahrhunderts eingerichtet wird oder ein Ausstellungskurator Artefakte thematisch in Sonderausstellungen versammelt.
Die Sektion fragt nach den wissenschaftlichen Chancen und Problemen bei der Untersuchung von Objektkonvoluten. Nicht nur die Motivation des Konvolutbildners, sondern auch die Rolle des Objekts selbst, das seine Auswahl durch seine Objektbiografie provoziert, rücken in den Blick. Wie kommt es zur Zusammenstellung unterschiedlicher Objekte zu Gruppen, wie ändert sich die Bedeutung des einzelnen Objekts durch diese Zuordnung, wie lange haben diese Ensembles Bestand, wer akzeptiert oder bewahrt und wer dekonstruiert sie und warum? Welche Rolle spielen Wissenszuwachs, Interpretationsverschiebungen oder Irrtümer?
Die Sektion fragt über die museale Sammlungsgeschichte hinaus nach den aktiven Prozessen der Gruppenbildung und deren Auswirkungen auf die Entstehung von Objektbiografien. Dabei werden sowohl die Konvolutbildung als auch die durch Entnahme einzelner Werke entstehende Fehlstelle in sakralen oder weltlichen Räumen in den Blick genommen.

Kurzbiografie Justus Lange
1990–1996Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie und Spanischen Philologie in Würzburg und Salamanca (Magisterarbeit: „Die Prophetendarstellung des Jusepe de Ribera in der Kartause San Martino in Neapel“)
2001Promotion an der Universität Würzburg („Zum Frühwerk Jusepe de Riberas“)
2001–2003Wiss. Volontariat in der Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Museen Kassel
2003–2004Wiss. Mitarbeiter bei den Staatlichen Museen Kassel
2004–2009Kustos der Sammlung Malerei, Graphik und Skulptur des Städtischen Museums Braunschweig
seit 2009Leiter der Gemäldegalerie Alte Meister der Museumslandschaft Hessen Kassel
seit 2013Leiter der Hauptabteilung Sammlungen der Museumslandschaft Hessen Kassel
Forschungs- bzw. Arbeitsschwerpunkte Jusepe de Ribera; deutsche und niederländische Malerei des 16.–18. Jh.s; sammlungsgeschichtliche Fragen; Text-Bild-Bezüge
Publikationsauswahl
  • „Die Erfindung der Welt“ – Martin Schaffners bemalte Tischplatte von 1533, Ausstellungskat. Staatliche Museen Kassel 2002.
  • „opere veramente di rara naturalezza“ – Studien zum Frühwerk Jusepe de Riberas mit Katalog der Gemälde bis 1626, Würzburg 2003.
  • „Die Freundschaft ist das Element, in dem ich lebe, die Kunst meine Führerin“ – Carl Schiller (1807–1874): Forscher, Sammler, Museumsgründer, Ausstellungskat. Städtisches Museum Braunschweig 2007.
  • Jordaens’ Antique Subjects in Historical Collections, in: Jordaens and the Antique. Ausstellungskat. Musées Royaux des Beaux-Arts de Belgique / Museumslandschaft Hessen Kassel, Antwerpen 2012, S. 301–311.
  • From iconographical program to individual artwork. The display of Rubens’s “The triumph of the victor”, in: Nederlands kunsthistorisch jaarboek / Netherlands yearbook for history of art 65 (2015), S. 240–265.
Kurzbiografie Antje Scherner
1986–1993Studium der Kunstgeschichte und Germanistik in München und Rom
1996–2001Stipendiatin, anschl. persönliche Assistentin der Direktorin an der Bibliotheca Hertziana in Rom
2001–2006Wiss. Volontärin bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, anschl. wiss. Mitarbeiterin im Grünen Gewölbe
seit 2006Kustodin und Leiterin der Sammlung Angewandte Kunst der Museumslandschaft Hessen Kassel
Forschungs- bzw. Arbeitsschwerpunkte Schatzkunst im Dienst von Diplomatie, Politik und fürstlicher Memoria; höfisches Sammeln in der Frühen Neuzeit; Austauschprozesse zwischen deutschen Höfen und Italien; italienische Barockskulptur
Publikationsauswahl
  • Giambologna – Carlo di Cesare. Italian Sculpture in Dresden in the Late 16th Century, in: Sybille Ebert-Schifferer (Hg.), Scambio culturale con il nemico religioso. Italia e Sassonia attorno al 1600, Cinisello Balsamo 2007, S. 57–72.
  • Scherzgefäße. Zur Wechselwirkung von Gestaltung, Handhabung und Trinkregeln in der Frühen Neuzeit, in: Thomas Pöpper (Hg.), Dinge im Kontext. Artefakt, Handhabung und Handlungsästhetik zwischen Mittelalter und Gegenwart, Berlin u. a. 2015, S. 145–162.
  • Kunstkammer – Kunsthaus – Kabinett. Zur Geschichte der Kasseler Sammlungen im 17. und frühen 18. Jh. zwischen fürstlicher Repräsentation und Bildungsanspruch, in: Alexis Joachimides et al. (Hgg.): Auf dem Weg zum Museum, Kassel 2016, S. 99–126.
  • Ein (un)diplomatisches Geschenk im Großen Nordischen Krieg. Überlegungen zu einem Elfenbeinmedaillon Zar Peters I. in der Kasseler Sammlung, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 67 (2017), S. 179–197.
  • Rom – Dresden – Kassel. Ein unbekanntes Projekt Augusts des Starken in Rom und Monnots Statuenzyklus für das Kasseler Marmorbad, in: Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft 44 (2017), im Druck.