Wechsel der Gezeiten. Kir­chen­kunst und religiöser Wandel rund um die Nordsee (1400–1700)

Leitung:

Diese multidisziplinäre Sektion fragt nach der Interaktion zwischen Artefakten und religiöser Transformation rund um die Nordsee während des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Die Kultur- und Religionsgeschichte dieser europäischen Meeresregion ist im Vergleich zu anderen Gewässern wie dem Mittelmeer und der Ostsee in der Forschung deutlich unterrepräsentiert.
Am Vorabend der Reformation war Europas Nordwesten bis Island ebenso eng mit dem mittelalterlichen Christentum verbunden wie jeder andere Teil Westeuropas, in einer starken religiösen – und damit auch kulturellen – Einheit. Netzwerke wie monastische Zugehörigkeiten, politische und wirtschaftliche Kontakte und Verwandtschaftsbeziehungen förderten den Austausch von Kunst und Künstlern, vereinfacht durch den Transport über das Meer. Im Zeitalter der Reformation gingen jedoch alle Küstenregionen rund um die Nordsee eigene Wege in Glaubensangelegenheiten, wobei die Niederlande in einen calvinistischen Norden und einen katholischen Süden geteilt war, während England anglikanisch und Norddeutschland, Schweden und Dänemark-Norwegen lutherisch wurden. Alle diese Konfessionen „ererbten“ – oder oftmals eher: besetzten – die vorhandenen mittelalterlichen Kirchengebäude, deren Ausstattung und deren liturgisches Gerät.
Diese Sektion wird die Nutzung und Wahrnehmung sakraler Denkmäler und Artefakte in ihren spezifischen epistemischen, konfessionsgebundenen Kontexten vor und während der Reformation in Frage stellen. Was wurde beibehalten, was zerstört oder abgeschafft und auf welche Weise? Wie zeigten sich Veränderung und Kontinuität in Kirchengebäude, Ausstattung und liturgischem Gerät in der Nutzung von Raum und im liturgischen Ritual während des Übergangs vom Katholizismus zum Protestantismus? Wie wurden Formen, Funktionen, technische Innovationen und die Nutzung von Artefakten im Raum adaptiert mit dem Ziel, eine neue Liturgie zu propagieren? Wie nutzen Protestanten die sakrale Atmosphäre, die einst mittelalterlichen Objekten und Bildern eingeschrieben war, wie auch deren visuelle und akustische Präsenz, materiell, ästhetisch und rituell? Wie wurden mittelalterliche Kirchengebäude, Objekte und Bilder transformiert, um neue kulturelle und religiöse Identitäten zu etablieren und zu schaffen? Inwieweit war das Potenzial für religiöse Veränderungen den Objekten selbst inhärent? Und zuletzt: Können Objekte und Bilder überkonfessionell sein?