Wechsel der Gezeiten. Kir­chen­kunst und religiöser Wandel rund um die Nordsee (1400–1700)

Leitung: Antje Fehrmann, Hamburg/Berlin / Justin Kroesen, Bergen

Diese multidisziplinäre Sektion fragt nach der Interaktion zwischen Artefakten und religiöser Transformation rund um die Nordsee während des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Die Kultur- und Religionsgeschichte dieser europäischen Meeresregion ist im Vergleich zu anderen Gewässern wie dem Mittelmeer und der Ostsee in der Forschung deutlich unterrepräsentiert.
Am Vorabend der Reformation war Europas Nordwesten bis Island ebenso eng mit dem mittelalterlichen Christentum verbunden wie jeder andere Teil Westeuropas, in einer starken religiösen – und damit auch kulturellen – Einheit. Netzwerke wie monastische Zugehörigkeiten, politische und wirtschaftliche Kontakte und Verwandtschaftsbeziehungen förderten den Austausch von Kunst und Künstlern, vereinfacht durch den Transport über das Meer. Im Zeitalter der Reformation gingen jedoch alle Küstenregionen rund um die Nordsee eigene Wege in Glaubensangelegenheiten, wobei die Niederlande in einen calvinistischen Norden und einen katholischen Süden geteilt war, während England anglikanisch und Norddeutschland, Schweden und Dänemark-Norwegen lutherisch wurden. Alle diese Konfessionen „ererbten“ – oder oftmals eher: besetzten – die vorhandenen mittelalterlichen Kirchengebäude, deren Ausstattung und deren liturgisches Gerät.
Diese Sektion wird die Nutzung und Wahrnehmung sakraler Denkmäler und Artefakte in ihren spezifischen epistemischen, konfessionsgebundenen Kontexten vor und während der Reformation in Frage stellen. Was wurde beibehalten, was zerstört oder abgeschafft und auf welche Weise? Wie zeigten sich Veränderung und Kontinuität in Kirchengebäude, Ausstattung und liturgischem Gerät in der Nutzung von Raum und im liturgischen Ritual während des Übergangs vom Katholizismus zum Protestantismus? Wie wurden Formen, Funktionen, technische Innovationen und die Nutzung von Artefakten im Raum adaptiert mit dem Ziel, eine neue Liturgie zu propagieren? Wie nutzen Protestanten die sakrale Atmosphäre, die einst mittelalterlichen Objekten und Bildern eingeschrieben war, wie auch deren visuelle und akustische Präsenz, materiell, ästhetisch und rituell? Wie wurden mittelalterliche Kirchengebäude, Objekte und Bilder transformiert, um neue kulturelle und religiöse Identitäten zu etablieren und zu schaffen? Inwieweit war das Potenzial für religiöse Veränderungen den Objekten selbst inhärent? Und zuletzt: Können Objekte und Bilder überkonfessionell sein?

Kurzbiografie Antje Fehrmann
1991–1996Studium der Kunstgeschichte, Christl. Archäologie, Byzantinischen Kunstgeschichte und Völkerkunde in Marburg (Magisterarbeit: „Chantry Chapels in der Kathedrale von Winchester: Totengedächtnis und Mikroarchitektur im spätmittelalterlichen England“)
1998–1999Stipendiatin der Gerda Henkel Stiftung
1998–2005Promotion an der Universität Marburg („Sepulkrale Inszenierung am englischen Königshof. Die Selbstdarstellung der Lancaster und die Tradition der königlichen Grabmäler und Kapellen 1066–1509“)
2001–2006Wiss. Mitarbeiterin und Dozentin am Seminar für Christliche Archäologie und Byzantinische Kunstgeschichte der Universität Marburg
2009–2010Wiss. Mitarbeiterin am Bildarchiv Foto Marburg / Kunstgeschichtliches Institut (Projektvorbereitung und Datenbank)
2011–2012Wiss. Mitarbeiterin (Postdoc) am DFG-Graduiertenkolleg „Kunst und Technik“ an der Technischen Universität Hamburg (Humanities) sowie Dozentin am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg
2012–2017Wiss. Mitarbeiterin und Dozentin am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin, Arbeitsbereich Architekturgeschichte Planung und Koordination des 4. Forums Kunst des Mittelalters in Berlin und Brandenburg
seit 2018Forschungsprojekt zu Aushandlungsstrategien und Wettbewerben im modernen Kirchenbau seit 1840 und zur Mittelalterrezeption im 19. Jahrhundert
Forschungs- bzw. Arbeitsschwerpunkte Englische Skulptur und Architektur; Grabmäler und Grabkapellen im Mittelalter; Wettbewerbe im Kirchenbau des 19. und 20. Jh.s; kulturelle Beziehungen in Nordeuropa; Netzwerke und Austauschprozesse
Publikationsauswahl
  • Grab und Krone. Königsgrabmäler im mittelalterlichen England und die posthume Selbstdarstellung der Lancaster, München/Berlin 2008.
  • Politics and Posterity. English Royal Chantry Provision 1232–1509, in: J. Luxford und J. McNeill (Hgg.), The Medieval Chantry in England (The Journal of the British Archaeological Association 164), Leeds 2011, S. 74–99.
  • Das Grabmal als Prozess. Form, Raum, Liturgie und Rezeption ..., in: Francine Giese et al. (Hgg.): Grab, Erinnerung, Raum. Repräsentationskonzepte in der christl. und islamischen Kunst der Vormoderne, Berlin 2018, S. 271–289, 341.
  • Plausible Fiktionen: König Sigismund und die englische Repräsentation während des Konstanzer Konzils 1415–1416, in: Markus Hörsch (Hg.), Studia Jagellonica Lipsiensia, im Druck.
  • „… their feelings of patriotism were stirred up in a wonderful manner“: Sir George Gilbert Scott in Deutschland, in: Christina Strunck (Hg.), Kulturelle Transfers zwischen Großbritannien und dem Kontinent, im Druck.
Kurzbiografie Justin Kroesen
1994–1999Studium der Theologie und Kunstgeschichte in Groningen und Bilbao (Magisterarbeit: „The Sepulchrum Domini through the Ages“)
1999–2003Promotion an der Rijksuniversiteit Groningen („Staging the Liturgy. The Medieval Altarpiece in the Iberian Peninsula“)
2003–2016Dozent für Kunstgeschichte des Christentums an der Universität Groningen
seit 2017Professor für Kulturgeschichte mit Fokus auf der materiellen Kultur des Christentums am Universitetsmuseet i Bergen, Universität Bergen
Forschungs- bzw. Arbeitsschwerpunkte Kirchenkunst des Mittelalters und der Frühen Neuzeit; Ausstattung und Gebrauch von Kirchengebäuden in Westeuropa; Wechselbeziehungen zwischen Kunst und Liturgie
Publikationsauswahl
  • (mit Victor Schmidt) The Altar and its Environment, 1150–1400 (Studies in the Visual Cultures of the Middle Ages 4), Turnhout 2009.
  • Staging the Liturgy. The Medieval Altarpiece in the Iberian Peninsula (Liturgia Condenda 22), Louvain/Paris/Walpole MA 2009.
  • Seitenaltäre in mittelalterlichen Kirchen. Standort – Raum – Liturgie, Regensburg 2010.
  • (mit Regnerus Steensma) The Interior of the Medieval Village Church, Louvain/Paris/Walpole MA 2012.
  • (mit Peter Tångeberg) Die mittelalterliche Sakramentsnische auf Gotland (Schweden). Kunst und Liturgie, Petersberg 2014.