Das digitale Abbild als Interface zum Objekt

Der Beitrag stellt Überlegungen zu Herausforderungen und Möglichkeiten an, die digitale Repräsentationsformen für einen Zugang zum Wissen der Objekte bieten. Diese beruhen auf unserer Arbeit als interdisziplinäres Team von Forschenden aus der Geschichtswissenschaft und der Informatik, die bereits intensiver mit Forschenden aus der Kunstgeschichte zusammengearbeitet haben.
Am Beispiel der gegenwärtig laufenden Entwicklungsarbeit und unserer Visionen für das System Neoclassica zur Identifizierung und Klassifizierung von materialer Kultur des Klassizismus diskutieren wir neue Erkenntnismöglichkeiten und epistemologische Fragen, die sich aus der Schaffung von digitalen Forschungsinstrumenten ergeben. Neoclassica identifiziert Muster (Objekte, später Formmerkmale) in digitalen Repräsentationen physischer Artefakte bzw. Interieurs, indem es Techniken der künstlichen Intelligenz mit einer granularen formalen Wissensrepräsentation zusammenbringt. Dabei gehen wir über eine simple Mustererkennung hinaus, weil wir das digitale Abbild des Artefakts als ein multimodales Interface zum Objekt begreifen, das dessen visuelle und textuelle Repräsentation vereint. Wir diskutieren die Potentiale, die eine computerisierte Identifizierung, Klassifizierung, Annotation und automatische Verlinkung mit existierenden externen Ressourcen für eine Objektgeschichte eröffnen. Als ein Retrieval-Instrument (vergleichbar einer Suchmaschine) kann ein derartiges System etwa die immer wichtiger werdende Nachnutzung bestehender digitaler Korpora unterstützen und zugleich über den konkreten Bestand hinaus vernetztes Wissen herstellen. Als Forschungsinstrument, das mit hochauflösenden Digitalisaten zum Einsatz kommt, erfasst es Muster im Sinne eines methodischen „Distant Viewing“ und ermöglicht so z. B. die Herstellung neuer Bezüge zwischen Objekt und Raumkunst, etwa in Gestalt einer geteilte Formensprache verschiedener Artefakte.
Zugleich reflektieren wir auch die epistemologischen Herausforderungen digitaler Methoden und deren Implikationen für die Arbeitsweise in den Objektwissenschaften. Diese reichen von Fragen der Transparenz des wissenschaftlichen Instruments (was lernt eigentlich der Klassifikator?) bis hin zu einer Reflexion unseres Exaktheits- und disziplinären Wissenschaftsbegriffs. Wir illustrieren dies daran, wie wir im Projekt quantitative Exaktheitsmaße als Teil einer Hermeneutik digitaler Artefakte und ihrer quantitativen Verarbeitung interpretieren.