Berichte der Foren

Mittwoch, 27. März 2019
10:00–12:00 Uhr

Forum Kunstgeschichte Italiens
Moderation: Sarah W. Lynch, Erlangen / Christina Strunck, Erlangen

Das Forum wollte zur Diskussion über vier Themenbereiche anregen, die teils in der Italienforschung noch wenig bearbeitet wurden, teils bei den letzten Italienforen eher im Hintergrund standen. Jedes Themengebiet wurde durch einen Impulsvortrag präsentiert: Neue Ansätze in der frühneuzeitlichen Architekturforschung (Sarah Lynch), Gender & Queer Studies (Ilaria Hoppe), Integration der Archivforschung in neue methodische Kontexte (Martina Sitt und Desirée Monsees), Digital Art History (Peter Bell).

Nach der Diskussion der Vorträge wurde der Call for Papers für das nächste Italienforum vorgestellt, das unter dem Obertitel „Mobilität: Personen, Objekte, Ideen“ vom 9. bis 11.3.2020 am Kunsthistorischen Institut der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg stattfinden wird. Die geplanten 8 Sektionen werden unter der Leitung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Erlanger Instituts stehen. Es wurde um Einreichung von Vortragsvorschlägen für folgende Sektionen gebeten: „Maniera bizantina“ – Verdikt und Vorbild (Heidrun Stein-Kecks) / Die Identität des Architekten in der Renaissance (Sarah Lynch) / Künstlerreisen in der Renaissance (Manuel Teget-Welz) / Italienische Zeichnungen der Renaissance und des Barock – Neue Tendenzen (Claudia Steinhardt-Hirsch) / Bild-Raum-Wissenschaft: Profane Ausstattungskonzepte des Barock (Christina Strunck) / Kennerschaft statt Kunst: Deutsche Italienreisen und die Etablierung des Fachs Kunstgeschichte im Zuge der Entkoppelung von Wissenschaft und Praxis der Kunst (Hans Dickel) / „Welsch“ und „deutsch“: Museale Präsentationen jenseits von Nationalstilen und Schulen (Daniel Hess) / Italien digital erschließen (Peter Bell). Ein ausführlicher Call for Papers wurde zeitnah auf der Webseite des Verbands Deutscher Kunsthistoriker, auf Arthist.net und auf der Homepage des Erlanger Instituts veröffentlicht.

Berichte der Gerda-Henkel-Reisestipendiat/-innen Tilman Schreiber und Olivia Schmidt-Thomée  zum Forum Kunstgeschichte Italiens finden Sie hier und hier (Wissenschaftsportal L.I.S.A.).

 

Forum Kunst auf der Iberischen Halbinsel und in Iberoamerika
Moderation: Sylvaine Hänsel, Münster / Bettina Marten, Dresden

Seit der Einführung des „Forum“-Formats bietet das Spanien- und Lateinamerika-Forum ein Format, das sich explizit an den wissenschaftlichen Nachwuchs richtet. Das Konzept sieht vor, den direkten Dialog zwischen internationalen Kollegen sowie interessierten Studierenden und Abschlusskandidaten zu fördern. Nachwuchswissenschaftlern wird zudem eine Plattform eröffnet, ihre Forschungsgebiete einem breiteren Publikum vorzustellen und zu diskutieren.

Für das im Rahmen des 35. Kunsthistorikertages stattfindende Forum konnten zwei Kolleginnen für Vorträge gewonnen werden. Dr. Barbara Karl (Textilmuseum Graz) thematisierte in ihrem Beitrag „Spanish Fashion goes Global: Capes from Bengal in the 16th and 17th Centuries“ den hohen Repräsentationswert textiler Objekte (im Besonderen Capes), die als Handelsware von Bengalen aus in Asien vertrieben, in kolonialen Haushalten an neue Nutzungen im Interieur angepasst wurden. Über Goa erreichten diese Textilien als seltene und exotische Souvenirs ab dem Ende des 16. Jahrhunderts auch die Adelshäuser in Europa.
Dr. Claudia Hopkins (University of Edinburgh) stellte unter dem Titel „‚Moromanía‘. The crisis of masculinity in Spanish Orientalism“ einen Aspekt ihres gegenwärtigen Forschungsprojektes über spanische Grundhaltungen gegenüber al-Andalus und Marokko im 19. Jahrhundert vor. Dieser Vortrag befasste sich mit dem Bedeutungsgehalt der Darstellungen des „exotischen“ Mannes, wie sie nach dem Ende des Spanisch-Marokkanischen 1859/60 in den Arbeiten vor allem der Maler Fortuny, Villegas Cordero und Fabrés als Bildsujet erscheinen. Umgeben von Requisiten und in Posen, die den Bildern „exotischer“ Frauen entlehnt sind, werden auf diese Weise traditionelle Geschlechterrollen in Frage gestellt.
Prof. Dr. Achim Arbeiter (Universität Göttingen) berichtete über seine neuesten Forschungsprojekte auf der iberischen Halbinsel im Bereich der frühchristlichen Archäologie sowie die seiner spanischen Kollegen. Er zeigte, dass auf der iberischen Halbinsel eine sehr vielfältige und überaus lebendige Forschungslandschaft zu finden ist.
Jana Glorius-Rüedi (Berlin) stellte unter dem Titel „Erlösung durch Barmherzigkeit. Bildausstattung und Baugeschichte der Kirche San Jorge und des Hospitals de la Santa Caridad in Sevilla“ ihre 2012 an der FU Berlin eingereichte Dissertation vor, in deren Zentrum der Konstruktionsprozess und das Bildprogramm des gesamten Ensembles über die bereits bekannten Bildwerke von Bartolomé Esteban Murillo, Juan de Valdés Leal und Pedro Roldán hinaus, stand.
In dem neuen Format des „Gesprächssalons“ berichteten Barbara Borngässer-Klein, Michael Scholz-Hänsel und Bettina Marten über die Forschungsmöglichkeiten auf der iberischen Halbinsel und in Lateinamerika und beantworteten Fragen der Studierenden.

Sylvaine Hänsel / Bettina Marten

Forum Angewandte Künste – Schatzkunst, Interieur und Materielle Kultur
Moderation: Birgitt Borkopp-Restle, Bern / Ariane Koller, Bern / Matthias Müller, Mainz / Dirk Syndram, Dresden / Barbara Welzel, Dortmund

Das Fachforum „Angewandte Künste – Schatzkunst, Interieur und Materielle Kultur“ stellte die Ergebnisse seiner ersten Tagung (Dresden, 8.–10. November 2018: Diskursfeld Angewandte Künste I – Werte und Bewertungen) sowie daran anknüpfende systematische Überlegungen vor: Ariane Koller nahm zunächst die Entstehung der bis heute wirksamen Hierarchien in den Blick, die die sogenannten angewandten Künste im Verhältnis zu Malerei und Skulptur nachrangig einstufen, obwohl die Bewertungen, die in der Frühen Neuzeit für Goldschmiede-, Elfenbein- und Textilkunst galten, eine deutlich andere Sprache sprechen.

Matthias Müller, Birgitt Borkopp-Restle und Ines Elsner belegten diesen Befund mit konkreten Beispielen: Namentlich an den europäischen Höfen der Frühen Neuzeit wurde Werken der angewandten Künste ein außerordentlich hoher Rang zugemessen; Wertschätzung galt nicht allein den kostbaren Materialien, sondern auch der handwerklichen Kunstfertigkeit, die sich in ihnen manifestierte. In den Situationen, die die historische Forschung in jüngerer Zeit unter dem Aspekt der Performativität betrachtet hat, kam diesen Objekten nicht selten entscheidende Bedeutung zu. Ihre Präsenz in der Ausstattung von Fest- und Empfangsräumen war Teil der politischen Kommunikation, in Ritus und Zeremoniell vermittelten sie höchst differenzierte Botschaften. In ihnen gewannen dynastische Tradition und dynastischer Rang genauso wie politische Bündnisse oder kulturelle und ökonomische Ansprüche gleichsam materialisierte Gestalt.
Ein Ausblick galt der geplanten zweiten Tagung des Fachforums, die vom 28. bis 30. November 2019 in Bern stattfinden wird (Diskursfeld Angewandte Künste II – Das Problem der Autorschaft). Die Suche nach dem Urheber eines Kunstwerks bzw. Versuche, ein überliefertes Werk mit einem Künstler in Verbindung zu bringen, gehören geradezu programmatisch zu den Aufgaben, die sich die Kunstgeschichte stellt – zahllose Studien zielten darauf, zu einem Kunstwerk auch einen Künstler (oder zumindest „Meister“ und „Werkstatt“ oder „Umkreis“) zu identifizieren. Für die Angewandten Künste, in denen sehr häufig Entwerfer und Ausführende/-r nicht identisch sind, hatte dies zumeist zur Folge, dass als „Künstler“ allein der Urheber des Entwurfs angesprochen wurde, während die Realisierung eines Werks als weitgehend mechanische Tätigkeit galt. Richtet sich der Blick jedoch auf die materielle Substanz eines Werks, so wird rasch deutlich, dass die simple Trennung von Entwurf und Ausführung der Komplexität der künstlerischen Entscheidungsprozesse und der realisierten Ergebnisse nicht gerecht wird und die Bewertung des Entwurfs als kreative Leistung, der die Ausführung angeblich untergeordnet sei, gravierende Probleme aufwirft. Im Rahmen der Tagung soll, ausgehend von überlieferten Werken der Angewandten Künste, danach gefragt werden, welche Personen (Entwerfer und Ausführende, aber auch Auftraggeber) an den gestalterischen Entscheidungen beteiligt waren, die letztlich zu deren Realisierung führten. Sucht man nicht im Entwurf die Idealversion eines Kunstwerks, sondern nimmt die materialisierten Objekte als Kunstwerke ernst, so lässt sich wohl ein wesentlich differenzierteres Verständnis von Autorschaft gewinnen, das zugleich anknüpft an die jüngeren kunst- wie literaturwissenschaftlichen Forschungen zu kollektiver bzw. kollaborativer Autorschaft.
Die Diskussion, an der sich die anwesenden Kolleg/-innen mit großem Engagement beteiligten, thematisierte auch Fragen der kunsthistorischen Ausbildung (Verständnis von Materialien und handwerklichen Praktiken) sowie der Visualisierung in Publikationen (Fotografien, die material- und technikspezifische Aspekte auch sichtbar machen).

Birgitt Borkopp-Restle

Berichte der Gerda-Henkel-Reisestipendiatinnen Corinna Gannon und Victoria Gellner zum Forum Angewandte Künste finden Sie hier und hier (Wissenschaftsportal L.I.S.A.).

Mittwoch, 27. März 2019
13:00–14:45 Uhr

Forum Wissenschaftsgeschichte der Kunstgeschichte
Moderation: Hubertus Kohle, München / Hubert Locher, Marburg

Das Forum „Wissenschaftsgeschichte der Kunstgeschichte“ widmete sich in diesem Jahr dem digitalen Bild und der Entwicklung des Faches. Aktueller Anlass war die Genehmigung eines DFG-Schwerpunktprogrammes „Das digitale Bild“, das Ende 2019 aufgenommen und von den beiden Ausrichtern des Forums geleitet wird.

In Vorträgen von drei geladenen Gästen aus Deutschland, Frankreich und den U.S.A. sollten Fragen angesprochen werden, die im Horizont der allgemeinen, das Disruptive betonenden Diskussion um das Digitale stehen. Wir wollten dazu anregen, beispielhaft die konzeptionelle Entwicklung des Faches unter dem Eindruck des Digitalen anzusprechen, sei es im Blick auf die erkennbaren Veränderungen in der Vergangenheit oder auch auf die zukünftig zu erwartenden Entwicklungen. Greifbar ist bereits die inzwischen vollständig durchgeführte Umstellung des Projektionswesens auf digitale Bildpräsentation und die immer anarchischer sich vollziehende Nutzung im Internet aufgeraffter digitaler Bildquellen für Lehre und Forschung. Die Beiträge mit je unterschiedlichen fachlichen Orientierungen und Schwerpunkten sollten auch dazu anregen, über die Auswirkungen auf die Gestaltung der (kunsthistorischen) Studiengänge nachzudenken. Im Raum standen Fragen nach methodischen Verschiebungen, die möglicherweise eine Distanzierung von traditionellen hermeneutischen Verfahrensweisen mit sich bringen oder auch eine Enthistorisierung der Fragestellungen heraufbeschwören könnten. Gelegentlich wird aber auch ein Rückfall in positivistische Positionen des 19. Jahrhunderts befürchtet, der sich etwa bei den avanciertesten machine-learning Verfahren der Informatik in einer schlichten Künstler- und Stilidentifikation ausdrücken mag und kritische Überlegungen der neueren Methodenreflexion auf die Seite zu schieben droht.
(Zum DFG-Schwerpunktprogramm „Das digitale Bild“ (SPP 2172) siehe hier und hier.)
Claus Pias, Professor für Medientheorie und Mediengeschichte an der Leuphana Universität Lüneburg, setzte mit kritischen Überlegungen zu den Auswirkungen und Perspektiven des Einbruchs digitaler Kultur und digitaler Medien seit den 1990er Jahren ein. Die Erörterung einiger damit zusammenhängender Missverständnisse, Ambitionen, Hoffnungen und Spekulationen führten ihn zu einer tentativen Unterscheidung der verschiedenen Arbeitstechniken des „Schätzens“ einerseits und des „Rechnens“ andererseits, um auf dieser Grundlage die prinzipiellen Differenzen der Erkenntnisinteressen von Technik- und Geisteswissenschaften herauszuheben. Daraus zog er mit skeptischem Blick einige Konsequenzen hinsichtlich der gelegentlich vorschnell als unproblematisch oder bruchlos möglich dargestellte Verbindung von Digital Humanities und Kunstgeschichte bzw. Medienwissenschaften, die seiner Meinung nach denn doch oft nicht gelingt.
Béatrice Joyeux-Prunel, Maitre de conférence an der Pariser École Normale Supérieure ist als eine Vertreterin des sognannten „spatial turn“ bekannt geworden, den sie in den letzten Jahren verstärkt mit digitalen Mitteln praktiziert. In ihrem Vortrag (in englischer Sprache) stellte sie hauptsächlich ihr Projekt Artl@s vor, in dem sie Kartographie und Kunstgeschichte in einen fruchtbaren Austauschprozess brachte. Dabei wurde klar, dass durch die hier zu beobachtenden Kontextualisierungspraktiken die Möglichkeit einer Renaissance der Sozialgeschichte sich abzeichnet, ohne dass eine solche Herangehensweisen die Thematisierung des einzelnen Kunstwerkes ausschließt.
Maximilian Schich, Professor für Kunst und Technologie an der University of Texas at Dallas plädierte in seinem Vortrag (in englischer Sprache) für eine Rückbesinnung auf die seiner Meinung nach gemeinsamen Wurzeln der heute getrennt betrachteten Disziplinen der Informatik bzw. „complex network science“ einerseits und der Kunst- und Kulturgeschichte, die in Gottfried Wilhelm Leibniz’ Analysis situs eine gemeinsame Wurzel hätten. Auf dieser Basis erscheint eine Integration geisteswissenschaftlichen und mathematischen Denkens in multidisziplinär aufgebauten informationswissenschaftlichen Departments möglich (s. a. hier).

Hubertus Kohle / Hubert Locher

Forum Frankreichforschung
Moderation: Thomas Kirchner, Paris / Michael Thimann, Göttingen

Dieser Bericht liegt leider noch nicht vor.

Einen Bericht des Gerda-Henkel-Reisestipendiaten Tilman Schreiber zum Forum Frankreichforschung finden Sie hier (Wissenschaftsportal L.I.S.A.).

Forum Kunst des Mittelalters
Moderation: Wolfgang Augustyn, München / Gerhard Lutz, Hildesheim

Das Forum „Kunst des Mittelalters“ stellte „Perspektiven der Mittelalterforschung“ vor, die anhand von Kunstwerken aus der weiteren Umgebung des Tagungsorts erläutert wurden. Es ging um Mittelalterliche Kunst aus dem Harzgebiet, einer im Mittelalter stark prosperierenden Region, in der vielfältige politische, wirtschaftliche und intellektuelle Strömungen, Aktivitäten und Innovationen zwischen der ottonischen Zeit und dem mittleren 13. Jahrhundert in Wechselbeziehungen wirksam waren und an einem reichen künstlerischen Niederschlag nachweisbar sind.

Michael Brandt (Hildesheim) stellte eine Gruppe von frühmittelalterlichen Kruzifixanhängern vor, die aus dem Bistum Hildesheim stammen und an verschiedenen Orten Norddeutschlands gefunden wurden. Der Referent betrachtete sie als bernwardinische Exportartikel, die im Rahmen der Missionierung des Nordens verbreitet wurden. Johanna Olchawa (Frankfurt) präsentierte den Sonderfall einer aus Bronze gegossenen Figur wohl des 13. Jahrhunderts in Sondershausen, einen sogenannten „Püsterich“. Dieser Guss, der nur mit wenigen erhaltenen Exemplaren vergleichbar ist, wurde als männliche Gestalt ausgeführt, die als Dampfapparat beim Erhitzen Dampf ausstößt: ein Verfahren, das so schon in der Antike praktiziert wurde und von Autoren im Mittelalter wie Albertus Magnus beschrieben wurde. Andrea Worm (Graz) stellte mehrere illustrierte Handschriften zum Text des Alexander Minorita vor, der einen ausführlichen Kommentar zur Apokalypse verfasst hatte. Alexander Minorita war im 13. Jahrhundert Franziskaner in Bremen. Die Bilder zu diesem Text veranschaulichen programmatisch, dass der Verfasser eine Verschränkung von visionärer Endzeit und realer Geschichte intendierte. Der Architekturhistoriker Stefan Bürger (Würzburg) zeigte die komplexe Technik der Abbildung von Gewölbefigurationen in Architekturzeichnungen. Handelte es sich dabei um Visierungen, musste der Gewölbeansatz in der Zeichnung so eingetragen werden, dass der Benutzer dieser Visierung Hilfestellung erfuhr, die Zeichnung richtig zu verstehen. Alle Vorträge wurden intensiv diskutiert.

Wolfgang Augustyn / Gerhard Lutz

Einen Bericht der Gerda-Henkel-Reisestipendiatin Sophie Roßberg u. a. zum Vortrag von Johanna Olchawa finden Sie hier (Wissenschaftsportal L.I.S.A.).

Forum Kunstgeschichte Großbritanniens
Moderation: Ute Engel, München

Das Forum Kunstgeschichte Großbritanniens diente als Auftakt für die Gründung eines Fachforums bzw. einer Arbeits­ge­mein­schaft. Gerade zum jetzigen Zeitpunkt, im Bann des Brexit, scheint es notwendig, dem in Deutschland und anderswo auf dem Kontinent lange vernachlässigten Feld der Kunstgeschichte Großbritanniens mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Der rege Zuspruch zu der Veranstaltung zeigte, dass dieses Thema an deutschen Universitäten und Museen, bei den Freien Berufen wie dem wissenschaftlichen Nachwuchs auf großes Interesse trifft.

Entgegen des gegenwärtigen, politisch bedingten Eindrucks einer wachsenden Konfrontation zwischen Großbritannien und dem kontinentalen Europa, standen die Britischen Inseln und der Kontinent seit dem frühen Mittelalter in einem ständigen, beide Seiten immer wieder befördernden Austausch miteinander, der sich auch in der Kunst manifestierte. Der breite Inter­es­sens­horizont der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung vom Mittelalter bis zur Gegenwart machte dies mehr als deutlich.
So wurde beschlossen, ein auf Dauer angelegte Fachforum Kunstgeschichte Großbritanniens unter dem Dach des Verbands Deutscher Kunsthistoriker zu gründen, das die Plattform für ein Netzwerk zwischen deutschen und anderen europäischen Kunsthistorikerinnen und Kunsthistorikern dienen soll, die sich mit Themen der britischen Kunstgeschichte und den Aus­tausch­prozessen mit dem Kontinent und darüber hinaus beschäftigen. Methodisch interdisziplinär und kulturhistorisch angelegt, sollen von Anfang an Kooperationen mit britischen Kolleginnen und Kollegen sowie Institutionen angestrebt werden. Das Fachforum wird eine Website entwickeln und eigene Veranstaltungen planen.

Ute Engel

Mittwoch, 27. März 2019
15:30–17:15 Uhr

Forum Niederländische Kunst- und Kulturgeschichte
Moderation: Nils Büttner, Stuttgart / Jochen Sander, Frankfurt a. M. / Berit Wagner, Frankfurt a. M.

Das Forum des Arbeitskreises Niederländische Kunst- und Kulturgeschichte widmete sich dem wichtigen Dialog zwischen Kunsttechnologie und Kunstgeschichte im Bereich der niederländischen Forschung. Im Mittelpunkt stand somit insbesondere die Vereinbarkeit von Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften und Data Sciences. Exemplarisch wurde in diesem Zusammenhang der Frage nachgegangen, welche Rolle die früher unter dem Begriff der Kennerschaft versammelten Methoden der Kunstgeschichte im 21. Jahrhundert noch spielen können, dürfen und müssen.

Die Niederlandeforschung war diesbezüglich von besonderer Bedeutung, da sie sich bereits zeitig durch eine besondere Objektnähe auszeichnete. Die intensive Beschäftigung mit der Materialität der Objekte war traditionell auch ein Interesse von Restauratorinnen und Restauratoren, die sich für die wissenschaftliche Fundierung ihrer Praxis einsetzten.
Wie intensiv und ertragreich die Verbindung beider Bereiche sein kann, verdeutlicht exemplarisch ein Blick in die Bände des „Rembrandt Research Project“ oder auf die spektakulären Ergebnisse der Untersuchung und Reinigung des Genter Altars der Van Eyck. Beide Beispiele stellen aber zugleich eine grundsätzliche Infragestellung des traditionellen kunsthistorischen Vor­gehens dar, denn im Falle Rembrandts wurde ein und dasselbe Werke auf Grund kunsttechnologischer Untersuchungs­ergeb­nisse dem Künstler zunächst ab-, später aber erneut zugeschrieben. Beim Genter Altar ist die Tragfähigkeit geläufiger kunst­historischer Erkenntnismöglichkeiten noch dramatischer in Frage gestellt worden, denn der Umstand, dass weite Teile des Genter Altars schon im frühen 16. Jahrhundert flächendeckend übermalt worden waren, ist jüngst nicht etwa durch stilkritische Beobachtungen, sondern erst durch eine gründliche kunsttechnologische Untersuchung erkannt worden.
Auf dem Forum präsentierten Anna Tummers (Frans Hals Museum, Haarlem / Universiteit van Amsterdam) und Christina Currie (KIK/IRPA, Brüssel) Impulsreferate, die an aktuellen Problemstellungen das produktive Zusammenspiel von Kunst­technologie und Kunstgeschichte zur Diskussion stellten. Tummers berichtete von falschpositiven gemäldetech­nologischen Untersuchungsergebnissen an einem neu aufgetauchten Gemälde von Frans Hals, die zunächst einen scheinbar eindeutigen Beweis für die Abschreibung des Bildes zu liefern schienen. Da es zudem von dem Sohn des berühmten Vermeer-Fälschers Han van Meegeren als Werk seines Vaters in Anspruch genommen worden war, schien der Fall eindeutig. Erst die erneute kunsttechnologische Untersuchung konnte den anfänglichen Messfehler eindeutig wiederlegen. Currie berichtete über die Relevanz der kunsttechnologischen Untersuchung von Pieter Bruegels „Dulle Griet“ für die anschließende Reinigung und Restaurierung des Gemäldes, bei dem bisher nicht erkannte altersbedingte Farbveränderungen die Lesbarkeit und damit die Interpretation nachhaltig beeinträchtigt hatten.
Die anschließende lebhafte Diskussion zwischen Referenten, Podium und Auditorium widmete sich besonders intensiv der Frage der Vermittelbarkeit und Vermittlung von teilweise hochkomplexen kunsttechnologischen Befunden an die kunst­historische Forschung, aber auch in der universitären Lehre und an die interessierte Öffentlichkeit. Dabei wurde nicht zuletzt deutlich, dass selbst scheinbar „objektive“ naturwissenschaftliche Daten immer einer Interpretation bedürfen. Gerade bei komplexeren Befunden können deren Ergebnisse gelegentlich nicht eindeutig objektivierbar sein, ja mitunter setzt die Befundinterpretation eine geradezu klassische, „kennerschaftliche“ Absicherung voraus. Insbesondere die Ergebnisse der bildgebenden Untersuchungsverfahren, die in den letzten Jahren auch dank der fortschreitenden Digitalisierung große Fortschritte gemacht haben, werden auch in Zukunft ein hohes, immer aber der Interpretation bedürftiges Erkenntnispotential in der Zusammenarbeit von Kunsttechnologie und Kunstgeschichte bereitstellen.

Jochen Sander / Berit Wagner

Nachwuchsforum
Moderation: Amelie Baader / Ines Barchewicz / Alexander Leinemann / Colin Reiss / Steven Reiss / Benjamin Sander / Verena Suchy / Klara Wagner (alle Göttingen)

Insgesamt 9 Nachwuchswissenschaftler/-innen nahmen am Science Slam teil, der von der Gerda Henkel Stiftung großzügig gefördert wurde. Ausgehend von einem kleinen Ding bzw. Detail innerhalb eines untersuchten Objektes – das nach Möglichkeit gerne auch mitgebracht werden durfte, was in einigen Fällen wahrgenommen wurde – sollten Forschungsprojekte knapp und anschaulich vorgestellt werden. Die Referent/-innen hatten sich dem Format eines Science Slams entsprechend vorbereitet und präsentierten ihre Vorträge auf unterhaltsame Weise in den vorgegebenen fünf Minuten.

Die Sektion des Nachwuchsforums und insbesondere der Science Slam hat scheinbar Interesse bei den Besuchern des Kunsthistorikertages geweckt, wie man anhand der Zahl der Zuhörer/-innen erkennen konnte, unter denen sich sowohl Studierende als auch Lehrende und andere ausgebildete Kunsthistoriker/-innen befanden.
Die Siegerin Freya Schwachenwald („Ein steiniger Weg: Der Platz der Dinge und der Nicht-Dinge in der Kunstgeschichte“) wurde durch Lautstärkemessung des Applauses ermittelt und zusätzlich am Freitag, 29. März, am Abend der Ausstellungseröffnung „in einem glücklichen Augenblick erfunden“ geehrt. Dank einiger Spenden des Kunsthistorischen Instituts und der Kunstsammlung der Universität Göttingen konnten auch die anderen Teilnehmer/-innen mit mehreren Ausstellungs- und Bestandkatalogen bedacht werden.

Ines Barchewicz / Steven Reiss

Berichte der Gerda-Henkel-Reisestipendiatinnen Leonie Drees-Drylie und Franca Buss zum Science-Slam des Nachwuchsforums finden Sie hier und hier (Wissenschaftsportal L.I.S.A.).

Dank der großzügigen Förderung der Gerda Henkel Stiftung konnten zusätzlich erstmals Reisestipendien an insgesamt 20 Nachwuchswissenschaftler/-innen für den Besuch des Deutschen Kunsthistorikertags und des in diesem Rahmen veranstalteten Nachwuchsforums vergeben werden. Alle Berichte der Gerda-Henkel-Reisestipendiaten und -stipendiatinnen zum Kunsthistorikertag finden Sie hier (Wissenschaftsportal L.I.S.A.).

Arbeitskreis Kunstgeschichte und Bildung
Leitung: Martina Sitt, Kassel / Barbara Welzel, Dortmund

Der Arbeitskreis Kunstgeschichte und Bildung fragt nach dem Beitrag und der Verantwortung der Kunstgeschichte in Bildungsprozessen. Das betrifft die Arbeitsfelder der Lehrer/-innenbildung und der Schule ebenso wie der Museumspädagogik oder der noch immer nicht wirklich institutionell verankerten Denkmalpädagogik. Es geht aber auch um Wissenschaftskommunikation in Bildungskontexte hinein. Seit dem Kunsthistorikertag in Marburg 2009 sind immer wieder neue Entwicklungen zu beobachten.

In Göttingen drehte sich diese Diskussionen speziell um zwei große Themenbereiche: erstens Erfahrungsberichte und Modelle, die von zumeist freiberuflich arbeitenden Kunsthistoriker/-innen entwickelt wurden. Zweites Thema war und ist die institutionelle Verantwortung an den Hochschulen, die Fragen der Bildung und Vermittlung in Curricula zu implementieren sowie Lehrveranstaltungen zu entwickeln, die Bildung und Vermittlung thematisieren. Dazu müssen auf längere Sicht auch Beiträge aus Museen und Denkmalpflege hinzukommen, die nach Konzepten und der institutionellen Verankerung fragen.
Diesmal stellte Pia Razenberger aus Wien unter dem Titel „Sich mit fremden Federn schmücken. Federarbeiten als Ausgangspunkte für kritisches Denken“ ein Projekt vor, das mit Geflüchteten in Museen arbeitet, gemeinsam an der Universität recherchiert und dann Führungen und Präsentationen erarbeitet. Damit wird zum Spracherwerb ebenso beigetragen wie die Universität als künftiger Bildungsort in Augenschein genommen.
Unter dem Titel „Historismus – noch Fragen? Zwei Wiesbadener Initiativen „zu den Dingen“ einer nur scheinbar „ausgeforschten“ Epoche“ stellten Anne Bantelmann-Betz und Nikolas Werner Jakobs einen Verein vor, der sich mit einem Lehrkonzept an Studierende und mit Veranstaltungen an eine interessierte Öffentlichkeit richtet. In diesem Spagat von „Kompetenzerwerb“ und Ansprache der Bürger, insbesondere wenn es sich um Themen der Denkmalpflege handelt, befinden sich mehrere Initiativen, die heutzutage versuchen das weite Feld der kulturellen Bildung mit neuen Ansätze zu erschließen.
Im Kontext des Göttinger Kunsthistorikertages wurde auch in diesem Forum konkret nach den Möglichkeiten und Potentialen der Vermittlung von Objekten gefragt: Welche Potentiale besitzen konkrete Objekte in ihrer Materialität für Vermittlungskonzepte? Welche Kompetenzen werden benötigt, um sie zum „Sprechen“ zu bringen? Welche Methoden, welche Vermittlungswege und -konzepte eröffnen Zugänge zu den Erkenntnispotentialen von Objekten?

Martina Sitt / Barbara Welzel

Donnerstag, 28. März 2019
16:30–18:15 Uhr

Forum Forschungsförderung
Moderation: Johannes Grave, Bielefeld

Die Präsentationen der Vorträge von Vertreterinnen und Vertretern der DFG, der VolkswagenStiftung, des DLR Projektträgers, der Fritz Thyssen Stiftung und der Gerda Henkel Stiftung sind ab sofort hier als PDF-Dateien abrufbar.

Samstag, 30. März 2019
16:30–18:30 Uhr

Arbeitskreis Digitale Kunstgeschichte
Leitung: Peter Bell, Erlangen / Stephan Hoppe, München / Georg Schelbert, Berlin

Ganz im Sinne der Definition eines Forums bemühte sich der Arbeitskreis digitale Kunstgeschichte um eine rege Diskussion und eine Vielstimmigkeit, durch die ein weites Themenfeld abgedeckt. Eine dialektische Situation entstand bereits durch die Entscheidung thematische Pendants zu bilden. Es sprachen vom Bildarchiv Foto Marburg Oguzhan Balandi und Werner Köhler, sowie vom prometheus Bildarchiv Lisa Dieckmann, während über Architekturrekonstruktionen Franziska Klemmstein (Berlin/Weimar), Martin Raspe (Rom) und Piotr Kurozcynski (Mainz) Impulse lieferten und schließlich Lukas Fuchsgruber und Katrin Glinka (beide Berlin) über digitale Objekte sprachen.

Wiederholt wurde die Bedeutung von Standards (CIDOC-CRM) und Zusammenarbeit diskutiert. Die Vertreter der Bilddarchive präsentierten die Strukturen der Datenbanken und die Herausforderungen darin kulturelles Erbe in seinen Kontexten erschließbar zu machen. Während es hier um die Suche einer Best practice und eigenen Ansätzen ging, stellten Klemmstein/Raspe heraus, was keine gute Praxis ist, z. B. Rekonstruktionen, die über eine eigene Ästhetik ihren referentiellen Charakter preisgeben, worauf Kurozcynski an Beispielen beschrieb, wie wissenschaftliche Rekonstruktionen eine Balance finden können. Während Fuchsgruber praktische Ansätze zur Erschließung eines historischen Datensatzes formulierte, sondierte Glinka Möglichkeiten der begrifflichen Schärfung und der bedeutungsstiftenden Visualisierung von kulturellem Erbe.

Peter Bell