Ausschreibung

 

Zu den Dingen!

Die Beschäftigung mit Objekten in den Geistes- und Kulturwissenschaften ist eine der großen Herausforderungen des 21. Jahr­hunderts. Zahlreiche Fächer haben die „Dinge“ entdeckt, um neue Fragen und Gegenstandsbereiche zu erschließen. Die Kunst­geschichte spielt in der aktuellen Diskussion um die Dinge eine zentrale Rolle: Traditionell hatte sie schon immer mit Objekten zu tun, seien es Gemälde, Statuen, Gebäude oder Gegenstände des Kunsthandwerks; die bild­wissen­schaftliche Wende hat den Gegenstandsbereich des Faches jedoch ausgedehnt und ihn für Objekte der Populär- und Alltagskultur, der religiösen Praxis und für die Dinge in den Wissenschaften geöffnet. Kunstgeschichte ist heute auf breiter Ebene auch Wissens­geschichte, indem sie die Objekte in ihren epistemischen Zusammenhängen untersucht und erneut zur Diskussion stellt. Zuletzt haben die jüngsten Debatten um Prove­nienz und Restitution die konkreten Dinge mit ihren objekt­bio­graphischen Spuren auch in den Fokus von Öffentlichkeit und Politik gerückt.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung soll der Kunsthistorikertag erörtern, welche weiteren und langfristigen Perspektiven das Thema für die Kunstgeschichte bietet. Im Zentrum steht die Frage nach der Materialität von Erkenntnis und nach dem epistemischen Potenzial des Artefakts: als Träger von Wissen und Geschichte(n), Handlungs­optionen und sozialen Bezie­hungen, als Grenzgänger zwischen Kulturen und Disziplinen, als biographische Spur seines Schöpfers und seiner selbst, aber auch als Herausforderung an bisherige Theorie­debatten. Welche Fragen, Praktiken und Lektüren machen kunsthistorische Artefakte zu „Wissens­dingen“? Welches Wissen speichern, materialisieren und ermöglichen sie, wie leiten und modellieren sie Wahrnehmung, Denken und Handeln? Wie verhält sich die materielle Dimension des Wissens zu seiner ästhetischen und figurativen? Und wie verändert die Perspektive auf das Wissen der Objekte den Gegenstandsbereich der Kunstgeschichte und ihr Verhältnis zu anderen Disziplinen?

Die Aufklärungs­universität Göttingen ist ein idealer Standort für diese Auseinander­setzung: Ihre historischen Sammlungen förderten die Entstehung eigener akademischer Disziplinen, sichtbar in den weltweit ältesten Lehrstühlen für Archäologie, Kunstgeschichte und Ethnologie. Aktuell widmet sie sich mit dem Projekt eines „Forums Wissen“ intensiv der wissen­schafts­historischen Aufarbeitung von Dingen im menschlichen Erkenntnis­prozess. Die „Materialität des Wissens“ ist ein erklärter Schwerpunkt an der Universität.

Die Sektionen gehen dem „Wissen der Objekte“ in historischer und systematischer Breite nach, unabhängig von traditionellen Grenzziehungen zwischen Disziplinen, Gattungen, Institutionen, Berufssparten oder nationalen Foren. Die Sektionen umfassen dabei verschiedene historische Schichtungen aus allen Bereichen der Kunstgeschichte von der Eiszeitkunst bis zur Gegenwart.

Neben einer expliziten inhaltlichen Ausrichtung sollen die Sektionen möglichst breit die aktuellen wissen­schaftlichen Diskurse der verschiedenen kunsthistorischen Berufsgruppen (am Museum, im Bereich des Denkmalschutzes, der Hochschulen und Forschungs­institutionen und der freien Berufe) abbilden, aber auch zum Austausch zwischen Institutionen und Netzwerken und deren Akteurinnen und Akteuren beitragen. Die Programm­sektionen belegen dabei anschaulich, wie die Ausrichtung auf das Objekt exemplarische ebenso wie übergreifende Fragen aufwerfen wird: In den Mittelpunkt der Diskussion werden dabei etwa Auswirkungen und Möglichkeiten der Digitalisierung auf den Umgang mit Objekten gestellt, ebenso Fragen der Provenienz- sowie der Kunst­markt­forschung. An verschiedenen Objektgruppen – dem Buch als Wissens­kondensat, dem Architekturmodell als Diskursform von Herrschaft, Kirchenkunst als Zeugen konfessionellen Wandels – wird dem „Wissen der Objekte“ nachgegangen. Der Vorstand des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker e. V. und das Kunst­ge­schichtliche Seminar der Georg-August-Universität Göttingen möchten aus diesem Grund die verschiedenen kunsthistorischen Berufsgruppen für eine intensive Diskussion auf dem XXXV. Deutschen Kunsthistorikertag gewinnen. Entsprechend wurden solche Sektionen ausgewählt, die kunsthistorisch für die Fragestellung relevante Kontexte neu in den Blick nehmen.

Nach der Sektionsausschreibung im Herbst 2017 sind nun interessierte Kolleginnen und Kollegen herzlich dazu aufgefordert, der Geschäftsstelle des Verbandes ihre Vorschläge für Einzelvorträge in den unten genannten Sektionen, den Sitzungen der Berufsgruppen sowie den Sitzungen der Arbeitskreise des Verbandes zu senden. Eine Bewerbung ist ausschließlich über das Online-Bewerbungsportal der Kongress-Homepage möglich.

Für jeden Vortragsvorschlag kann über das Bewerbungsformular ein Exposé von maximal 2.500 Zeichen (inkl. Leerzeichen) eingereicht werden. Von den Autorinnen und Autoren wird ebenso die Eingabe einer tabellarischen Kurzbiographie von maximal 10 Zeilen erbeten. Ergänzend können je bis zu fünf Forschungsschwerpunkte und Publikationstitel angegeben werden.

Die Auswahl der Vorschläge für die Sektionen (pro Sektion fünf 30‑minütige Vorträge) und Sitzungen der Berufsgruppen (je zwei 30‑minütige Vorträge in drei der vier Berufsgruppen) nehmen die Sektions­leiterinnen und Sektions­leiter sowie die Vorstands­mitglieder und das Ortskomitee in einer gemeinsamen Sitzung vor. Von den ausgewählten Referentinnen und Referenten der Sektionen und Berufsgruppen wird erwartet, dass sie – sofern eine kunsthistorische Ausbildung vorliegt und sie im Inland ansässig sind – spätestens zu Beginn des Kongressjahres Mitglieder des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker sind.

Die Begutachtung und Auswahl der Vorschläge der beiden Arbeitskreise (zwei bzw. vier 20-minütige Vorträge) nehmen die Leiterinnen und Leiter der Arbeitskreise selbständig vor.

Auf eine Neuerung bei der Organisation der Foren möchten wir besonders aufmerksam machen: Aufgrund der in den vergangenen Jahren stets gestiegenen Zahl der Foren und der noch immer kontinuierlich anwachsenden Nachfrage werden erstmals auch kurze Bewerbungen in Form von Konzeptpapieren für die Ausrichtung eines Forums erbeten. Verbands­mitglieder mit Interesse an der Leitung eines Forums sind herzlich dazu eingeladen, ein Exposé (1–2 Seiten als PDF-Datei) per E-Mail an die Geschäftsstelle des Verbandes zu senden. Sofern die Zahl der eingereichten Bewerbungen die Zahl der möglichen Zeitfenster zur Austragung von Foren überschreitet, werden die Vorstands­mitglieder eine Auswahl treffen.

Rückfragen zur Bewerbung richten Sie bitte an die Geschäfts­stelle des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker e. V. in Bonn (E‑Mail: info@kunsthistoriker.org).

Einsendeschluss für alle Bewerbungen ist der 25. Mai 2018, 18:00 Uhr.

Sektionen

 

1. Objekt Buch. Zur Dinglichkeit des Codex in Mittelalter und Früher Neuzeit

Der mittelalterliche Codex diente der Generierung, Bewahrung und Vermittlung von Wissen, der religiösen und ästhetischen Erbauung, der Andacht, der Unterweisung und der Unterhaltung. Dabei ist er nicht einfach eine Bündelung von Texten und Bildern, sondern weit mehr als die Summe seiner Teile und Inhalte: ein nur in seiner Gesamtheit zu erfassendes Objekt, das über spezifische materielle und mediale Qualitäten verfügt, welche die Ordnung und Rezeption von Wissen maßgeblich mitbestimmen.

Der Codex ist auf Gebrauch hin ausgerichtet: Seine Handhabe wird ebenso durch materielle Voraussetzungen bestimmt (etwa kompakte Hülle/be­weg­liches Inneres) wie durch formale Konventionen und Kulturtechniken geleitet, die in diesem Format (weiter-)entwickelt wurden. Dazu gehören die Strukturierung und Erschließbarkeit von Inhalten anhand von spezifischen Ordnungs­einheiten wie der Seite bzw. Doppelseite und Praktiken wie das Blättern oder die Präsentation des geschlossenen Buches. Fragen der Materialität, der Produktion und Nutzung von Codices und deren Inhalten, die in der Buchforschung traditionel­lerweise nach Disziplinen getrennt untersucht wurden, sind unter der Perspektive der Dinglichkeit nicht sinnvoll zu trennen.

In der Sektion sollen ausgehend von diesen Überlegungen anhand einschlägiger Fallbeispiele, Buchtraditionen und Corpora z. B. folgende Fragen diskutiert werden: Inwiefern bestimmen materielle und mediale Bedingungen die Nutzung des Buches und die Rezeption seiner Inhalte? Wie wird die Verschränkung materieller und medialer Faktoren mit Ausstattungs­traditionen für die Wissens­vermittlung fruchtbar? Welche ‚Gebrauchsspuren‘ (i.S. medien­spezifischer Hinweise auf konkrete Nutzung und Nutzbarkeit) finden sich in Codices, und auf welche Praktiken der Aufbereitung von Wissen verweisen sie? In welchen Bildern wird der Objektstatus des Codex herausgestellt? Welche weiteren Objekte entstehen aus Gebrauchs­kontexten des Codex heraus, und auf welche Objekt­eigenschaften des Codex rekurrieren sie (Mobiliar und Artefakte zur Herstellung, Aufbewahrung, Nutzung, z. B. Pulte, Schränke, Prachteinbände, Etuis, Buchbeutel etc.)?

Die Sektion setzt bei dem im europäischen Mittelalter gebräuchlichen Buchformat an, Beiträge zu anderen Buchformaten (z. B. dem Rotulus) oder weiteren Buch- bzw. Manuskriptkulturen sind ausdrücklich erbeten.

Tina Bawden, Berlin / Karin Gludovatz, Berlin

 

2. Wechsel der Gezeiten. Kirchenkunst und religiöser Wandel rund um die Nordsee (1400–1700)

Diese multidisziplinäre Sektion fragt nach der Interaktion zwischen Artefakten und religiöser Transformation rund um die Nordsee während des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Die Kultur- und Religionsgeschichte dieser europäischen Meeresregion ist im Vergleich zu anderen Gewässern wie dem Mittelmeer und der Ostsee in der Forschung deutlich unter­reprä­sentiert.

Am Vorabend der Reformation war Europas Nordwesten ebenso eng mit dem mittel­alterlichen Christentum verbunden wie jeder andere Teil Westeuropas, in einer starken religiösen – und damit auch kulturellen – Einheit. Netzwerke wie monastische Zugehörigkeiten, politische und wirtschaftliche Kontakte und Verwandtschaftsbeziehungen förderten den Austausch von Kunst und Künstlern, vereinfacht durch den Transport über das Meer. Im Zeitalter der Reformation gingen jedoch alle Küstenregionen rund um die Nordsee eigene Wege in Glaubens­ange­legen­heiten, wobei die Niederlande in einen calvinistischen Norden und einen katholischen Süden geteilt waren, während England anglikanisch und Norddeutschland, Schweden und Dänemark-Norwegen lutherisch wurden. Alle diese Konfessionen „ererbten“ – oder oftmals eher: besetzten – die vorhandenen mittel­alterlichen Kirchengebäude, deren Ausstattung und deren liturgisches Gerät.

Diese Sektion wird die Nutzung und Wahrnehmung sakraler Denkmäler und Artefakte in ihren spezifischen epistemischen, konfessions­gebundenen Kontexten vor und während der Reformation in Frage stellen. Was wurde beibehalten, was zerstört oder abgeschafft und auf welche Weise? Wie zeigten sich Veränderung und Kontinuität in Kirchengebäude, Ausstattung und liturgischem Gerät in der Nutzung von Raum und im liturgischen Ritual während des Übergangs vom Katholizismus zum Protestantismus? Wie wurden Formen, Funktionen, technische Innovationen und die Nutzung von Artefakten im Raum adaptiert mit dem Ziel, eine neue Liturgie zu propagieren? Wie nutzen Protestanten die sakrale Atmosphäre, die einst mittelalterlichen Objekten und Bildern eingeschrieben war, wie auch deren visuelle und akustische Präsenz, materiell, ästhetisch und rituell? Wie wurden mittel­alterliche Kirchengebäude, Objekte und Bilder transformiert, um neue kulturelle und religiöse Identitäten zu etablieren und zu schaffen? Inwieweit war das Potenzial für religiöse Veränderungen den Objekten selbst inhärent? Und zuletzt: Können Objekte und Bilder überkonfessionell sein?

Auch Beiträge aus benachbarten Disziplinen, darunter Theologie, Musikwissen­schaft und Kirchen­geschichte, sind willkommen.

Justin Kroesen, Bergen / Antje Fehrmann, Hamburg/Berlin

 

3. Dinge von Belang: Modell-Architektur und Dominanzkultur

Das Modell findet in der Architektur­forschung große Beachtung: als Entwurfs-, Rekonstruktions- und Repräsentations­­medium, aber auch als Sammlungs­gegenstand. Aus historischer Perspektive und im Kontext einer globalisierten Welt stellt sich daher umso mehr die Frage, mit welchen Macht- und Deutungs­ansprüchen Modell-Architekturen verbunden sind. Wenn die Archi­tek­tur zum Objekt oder Ding wird, rückt sie mehrfach in neue Wahrnehmungs- und Wirkungs­­zusam­men­hänge. So, wie Architekten und Machthaber (territoriale) Zukunfts­visionen anhand von Modellen diskutieren, medial inszenieren und damit die politische Dimension der Thematik berühren, können musealisierte Architektur- und Stadtmodelle zur Legitimations­­grundlage für (retrospektive) Bauvorhaben, Geschichtsbilder und Wissens­­ordnungen werden. Nicht selten gehen damit auch spezifische Vorstellungen ästhetischer, kultureller und zivilisatorischer ‚Entwicklung‘ einher, deren hierarchische Struktur es kritisch in den Blick zu nehmen gilt.

Welches Wissen ist mit Architektur im Modellformat somit verbunden? Was bedeutet dies für das Lagern, Archivieren oder Vergessen von Nachlässen, und was bedeutet es für die Präsentation von Architekturmodellen in öffentlichen Institutionen, die von Architektur- und Kunstsammlungen bis hin zu Stadt-, Geschichts- und Militärmuseen reichen? Welchen Anteil haben diese musealisierten Modelle umgekehrt an der Produktion und Rezeption von Architektur?

Die Sektion lädt zur Diskussion dieser und weiterer Fragen anhand von Fallbeispielen oder historisch und kulturell vergleichenden Perspektiven ein. Willkommen sind Beiträge, die nach Wechselwirkungen von Wertesystemen und Deutungs­hoheiten fragen. Ziel der Sektion ist es, Modell-Architekturen in ihren Verflechtungen zu analysieren und ihren Anteil an der Ausbildung, Festigung oder auch Brechung von „Dominanzkulturen“ aufzuzeigen, die mit sozialen, gesellschaftlichen, politischen oder auch institutionellen Machtverhältnissen einhergehen.

Brigitte Sölch, Florenz / Dietrich Erben, München

 

4. Konvolut – Ensemble – Objektkollektiv. Forschungsfragen zum Artefakt als Teil einer Gruppe

Die Beschäftigung mit dem Artefakt als einem „gegebenen“ Unikat zählt zu den verbreiteten Ansätzen in der universitären und musealen Forschung. Kunstwerke oder Gegenstände werden als Einzelobjekte untersucht, ausgestellt, inventarisiert oder restauriert. Diese Sichtweise unterschlägt jedoch, dass viele Artefakte im Laufe ihrer Objekt­biographie keineswegs isoliert, sondern als Teile größerer Gruppen angesehen wurden. Druckgraphische Blätter oder Zeichnungen wurden zu Klebebänden zusammengestellt, Gemälde als Pendants gesammelt und gehängt, Werke der Schatzkunst zu unveräußerlichen Hausschätzen kombiniert, fürstliche Kabinette mit einer handverlesenen Objektauswahl dekoriert. Auch die museale Praxis kennt Phasen der Konvolutbildung über Gattungs­grenzen hinweg, etwa wenn eine „Bauernstube“ nach Idealvorstellungen des 19. Jahrhunderts eingerichtet wird oder ein Ausstellungs­kurator Artefakte thematisch versammelt.

Die Sektion fragt nach den wissenschaftlichen Chancen und Problemen bei der Untersuchung von Objektkonvoluten. Nicht nur die Motivation des Konvolutbildners, sondern auch die Rolle des Objekts selbst, das seine Auswahl durch seine Objektbiographie provoziert, rücken in den Blick. Wie kommt es zur Zusammen­stellung unterschiedlicher Objekte zu Gruppen, wie ändert sich die Bedeutung des einzelnen Objekts durch diese Zuordnung, wie lange haben diese Ensembles Bestand, wer akzeptiert oder bewahrt und wer dekonstruiert sie und warum? Welche Rolle spielen Wissenszuwachs, Interpre­tations­verschiebungen oder Irrtümer?

Die Sektion fragt über die museale Sammlungs­geschichte hinaus nach den aktiven Prozessen der Gruppenbildung und deren Auswirkungen auf die Entstehung von Objekt­biographien. Fallstudien sind ebenso willkommen wie theoretische Überlegungen zu diesem Problemfeld.

Justus Lange, Kassel / Antje Scherner, Kassel

 

5. Provenienzen der Dinge. Zur Rezeption von Objektbiografien

Die Sektion thematisiert den Zusammenhang zwischen der individuellen Geschichte eines Objekts und seiner Wahrnehmung. In den Beiträgen soll die untrennbare Verflechtung des Objekts mit seiner Besitzgeschichte deutlich werden. Ins Zentrum wollen wir dabei drei voneinander abhängige Fragen rücken: Wie wirkt sich die Provenienz eines Objekts auf dessen monetären wie ideellen Wert aus? Wie beeinflusst die Eigentums-, Ausstellungs- und Diskursgeschichte eines Objekts dessen Rezeption auf dem Kunstmarkt, bei privaten und öffentlichen Sammlern sowie in der medialen Berichterstattung? Und wie spiegelt sich diese veränderte Wahrnehmung von Objekten in ihrer Präsentation im musealen Kontext?

Ausgangspunkt einer jeden Provenienzrecherche ist die genaue Analyse des Objekts. Dazu zählen die Klärung der grundlegenden Daten, wie Material, Zuschreibung, Authentizität und genaue Datierung, sowie der Fragen beispielsweise nach dem Zeitpunkt der Titelgebung oder nach der Originalität des Rahmens ebenso wie die Suche nach Spuren seiner Biografie im und am Objekt selbst. Ein besonderes Anliegen ist es uns daher, speziell auch nach materiellen Spuren der Besitzgeschichten zu fragen, die an den Objekten selbst zu finden sind. Vordergründig ist dabei an das Palimpsest an Besitzervermerken zu denken, in nicht minderem Maße aber auch an den Einsatz von Präsentations­instrumenten wie Rahmen, Sockeln, Vitrinen etc., an die gewählten Restaurierungsmodi und an andere Modifizierungen der bzw. Einschreibungen in die Werke, die deren Wahrnehmung unmittelbar steuern sollen. Ergibt sich damit in der Forschung eine Notwendigkeit, das Objekt als solches wieder stärker in den Fokus kunsthistorischen Arbeitens zu rücken? Inwieweit kann in ein einzelnes Objekt das kulturelle Selbstverständnis der ursprünglichen oder der besitzenden Gesellschaft eingeschrieben sein?

Provenienzforschung soll innerhalb der Sektion im epochenübergreifenden Sinn, also nicht ausschließlich im Kontext NS-verfolgungsbedingten Entzugs (NS-Raubkunst) verstanden werden. Ebenso möchten wir ausdrücklich zum Einreichen von Beiträgen ermutigen, die nicht oder nicht allein Werke der bildenden Kunst in den Blick nehmen, sondern auch kunsthandwerkliche Gegenstände sowie technik- und naturgeschichtliche und ethnologische Objekte thematisieren. Vorträge zu einzelnen Objekten sind ebenso erwünscht wie zu einzelnen Institutionen und größeren historischen Zusammenhängen sowie zu methodischen Problemen.

Ulrike Saß, Bonn / Christoph Zuschlag, Bonn

 

6. Markt Macht Kultur: Das Kunstwerk im Spannungsfeld von Kultur und Märkten

Obgleich das Stereotyp des „autonomen Künstlers“ im Verlauf der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts immer wieder kritisch hinterfragt wurde, liegt es nach wie vor vielen monographischen Untersuchungen und auch Ausstellungen als mehr oder weniger virulenter Ausgangspunkt zu Grunde. Analoges gilt für die in solchen Kontexten vor allem als Manifestationen des künstlerischen Genies verstandenen und vermittelten Werke. Zwar hat es in der Vergangenheit wiederholt soziologische bzw. wirtschafts­wissen­schaftliche Ansätze in der Kunstgeschichte gegeben, dabei wurde jedoch das spezifische (Kunst-)Objekt als Medium wie Handlungs­gegenstand innerhalb des Spannungsfeldes von Ökonomie und Kultur bislang eher selten analysiert und diskutiert.

Die Sektion fragt demgegenüber gerade nach der Relevanz ökonomischer Sachzwänge bei der und für die Entstehung von (Kunst-)Objekten. Innerhalb dieses Rahmens lassen sich verschiedene Facetten dieser Gegenstände in einer neuen Perspektive diskutieren, z. B. inwiefern „Markt­erfordernisse“ Aspekte wie nicht zuletzt Faktur, Materialität, Motivik, Thematik und Erscheinungsformen der Werke prägen. Indem solche Kriterien von einzelnen Individuen entwickelt, definiert und kommuniziert werden, die wiederum Vertreterinnen und Vertreter von z. B. Kulturen, sozialen Klassen, Gruppen oder Berufen sind, kann das Kunstwerk so zugleich als maßgebliches Element sozialer Beziehungen zwischen etwa Auftraggeber/-innen, Mäzen/-innen, Käufer/-innen, Künstler/-innen und der interessierten Öffentlichkeit verstanden werden. In den Blick zu nehmen sind auch die verschiedenen, hierbei möglichen Sichtweisen auf das Werk, das in bestimmten Kontexten auch als primär kommerziellen Zwecken dienendes Objekt wahrgenommen und genutzt wird.

Darüber hinaus lässt es sich als Produkt der (Aus-)Handlungsprozesse der erwähnten Akteure begreifen, das zugleich in seiner spezifischen Materialität und Gestalt Auskunft über eben diese Prozesse zu geben vermag. Zusätzlich differenziert wird diese Perspektive schließlich noch durch den Umstand, dass die spezifischen Gegenstände einerseits Unikate sind, zugleich aber auch als Prototypen oder Vorbilder für ganze Werk- und Produktserien aufgefasst und genutzt werden können, die dann einer bestimmten, in einem einzelnen Objekt verwirklichten Reaktion auf die angesprochenen „Markt­erfordernisse“ gegebenenfalls eine weite Verbreitung gewähren.

Willkommen sind Beiträge, die sich mit Themen wie dem Transit des Kunstobjekts zum Gebrauchsgut (z. B. beim Merchandising von Kunstwerken bei Blockbuster-Ausstellungen) oder der Position des Künstlers im Marktgeflecht (von der Materialbeschaffung über die Produktionsbedingungen und Präsentations­möglichkeiten bis hin zur Vermarktung) beschäftigen, beispielsweise bei der Anpassung von Entwürfen an Marktdynamiken, dem Auktionshandel im Spannungsfeld von Markt und Privatgebrauch oder der Kopie (als Medium der Aneignung, Umwertung und Wertsteigerung).

Henry Keazor, Heidelberg / Katja Patzel-Mattern, Heidelberg

 

7. Zeichnungsforschung im digitalen Zeitalter

Viele graphische Sammlungen erschließen ihre reichen Bestände derzeit für eine digitale Bereitstellung. Das „Graphikportal“ (Foto Marburg) etwa macht das vielfältige Material von mehr als zwei Dutzend Sammlungen gebündelt zugänglich, weitere Sammlungen werden kontinuierlich dazukommen. Entsprechend umfangreich sind kuratorische und wissenschaftliche Anforderungen. Arbeiten auf Papier bilden ein immens reiches Reservoir abendländischer Bildkultur. Sie standen aber in den letzten Jahrzehnten selten im Fokus der Lehre, und ihre Betrachtung litt oft darunter, dass sie auf ein Konzeptions-, Vorlagen- oder Reproduktionsmedium reduziert wurden. Die digitale Bereitstellung graphischer Bestände eröffnet ungekannte Möglichkeiten für die Lehre, fordert zugleich die Anpassung akademischer Ausbildung, bietet aber vor allem neue Erkenntnispotentiale.

Verschiedene Probleme und Fragen stehen im Raum: Welche Kriterien leiten die Erschließung, werden dabei alle wissenschaftlichen Anforderungen befriedigt? Werden Informationen nur leichter, umfangreicher und bildgestützt erreichbar oder besitzt die bessere Verfügbarkeit eine neue Qualität für die Forschung? Stellt die explosionsartig ansteigende Materialmenge traditionelle Methoden in Frage, wie könnten und sollten neue digital gestützte Ansätze und vertraute Praktiken zueinander ins Verhältnis gesetzt werden?

Impliziert die neue Materialbasis neue Problemstellungen und methodische Ansätze? Für welche Frageansätze genügt diese Dokumentationsform, bleibt Autopsie dennoch unverzichtbar und Kennerschaft ein zwingend erforderliches Instrumentarium? Kann digitale Vergleichbarkeit die Modi vergleichender Formanalyse verändern?

Exemplarisch können am Beispiel von Kunst auf Papier – insbesondere im Fall der Zeichnung – die Veränderungen in den Blick genommen werden, die sich bei digitaler Erfassung ergeben: die Bedeutung klassischer Kennerschaft für die Zeichnungsforschung, die Relevanz digital nicht reproduzierbarer Objektqualitäten, denkbare Unterschiede in der Digitalisierung von Werken der Frühen Neuzeit bis in die Gegenwart, der Umgang mit anonymen oder wechselnd zugeschriebenen Objekten, die Konstruktion von Künstler-Œuvres oder die Konsequenzen für die kunsthistorische Lehre und Methodik.

Wir hoffen auf Beiträge, die die unterschiedlichen Aspekte dieser Problematik möglichst auch aus den verschiedenen Perspektiven von Universität, Museum, Kunsthandel u.a. ansprechen.

Anne-Katrin Sors, Göttingen / Martin Sonnabend, Frankfurt am Main / Joachim Jacoby, Düsseldorf

 

8. Material Agencies

Der Versuch, den Überschuss der Formen als Eigenaktivität von gestalteten Werken unter dem Begriff Bildakt zu fassen, ging von der kategorialen Unterscheidung von Dingen und Objekten aus. Das Muster bietet Albertis Begriff des Bildes (simulacrum) als Naturding, das, wie zum Beispiel ein leicht angeschnitztes Wurzelwerk, ein Minimum an menschlichem Eingriff aufweist. Diese Zutat verwandelt ein Ding in ein Objekt im Sinne des „objicere“, also der Wechselbestimmung von Wurf und Gegen-Wurf. Jede Gestaltung lässt die Dinge als Objekte zurückkehren, in denen mehr steckt, als „energeia“ in sie investiert worden ist.

Diese für den Bildakt grundlegende Unterscheidung von Dingen und Objekten hat sich im Licht jüngerer Entwicklungen jedoch zunehmend als problematisch erwiesen. In Analogie zum Bildakt beschreiben avancierte Forschungen der Materialkunde das scheinbar passive Ding mit Begriffen einer aktiven Materialität. Diese Bestimmung von „active matter“ verändert die Wissenschaften und die gesamte Kultur grundlegend. Technologien beruhen nicht mehr allein auf der Idee von passiven Natur­gegenständen und Materialien, sondern von Dingen, die selbst zu physischen und symbolischen Akteuren werden und damit die Bestimmung von Objekten intrinsisch bergen. Dies transformiert die klassische Sichtweise auf Bilder, Räume und Materialien, die aufgrund ihrer Selbsttätigkeit eng miteinander verknüpfte aktive Träger von Information bilden. Das Ziel der Sektion liegt darin, die Rolle der Bilder in diesem grundlegenden Vorgang zu erörtern und zu bestimmen, inwieweit die Verbindung von aktiven Bildern, Räumen und Materialien im Zeichen dieser Wende erkannt und möglicherweise auch gestaltet werden kann. Diese Wende führt im Zeitalter des Digitalen in eine neue Zukunft des Analogen und zugleich in eine Vergangenheit, die mit Alberti auch das Innovations­potential der Antike aufnimmt.

Horst Bredekamp, Berlin / Wolfgang Schäffner, Berlin

 

9. Objekt oder Werk? Für eine Wissensgeschichte der Kunst

Seit dem „material turn“ in der Wissenschafts­­geschichte sind nicht nur die materiellen, technischen und medialen Verfahren der Erkenntnis­­gewinnung in den Vordergrund der Aufmerksamkeit gerückt, sondern auch die ästhetischen und performativen Figurationen des Wissens. In der Kunstgeschichte lässt sich entsprechend die vertiefte Auseinander­setzung einerseits mit den materiellen Aspekten künstlerischer Werkprozesse beobachten, andererseits mit den Praktiken der wissenschaftlichen Analyse und der Deutung des Objekts im Rahmen historischer Wissensbestände.

Diese Entwicklung nimmt die Sektion auf und fragt nach dem am Material orientierten Umgang mit Kunstwerken sowohl auf Seiten der Produktion als auch der Rezeption. Im Fokus stehen also die Arbeitstechniken von Künstlern, die ihre Werke aus dem Material heraus entwickeln, ebenso wie die objektorientierten Analyse­verfahren der Kunstgeschichte, der Restaurierung und der Material­forschung und schließlich deren Deutungs­strategien im Kontext aktueller Wissenschafts­­­geschichte. Lassen sich Werkprozesse auch als Experimente mit dem Material verstehen, in dem visuelles Wissen sich immer wieder neu konstituiert? Und welches Wissen vom Werk entsteht, wenn dieses angefasst, durchleuchtet oder elektromagnetisch bestrahlt wird? Führt die Erforschung der Materialität zu einem neuen Werkverständnis, dem nicht mehr Vorstellungen von Genie oder Idealschönem, von auratischer Präsenz oder Vollendung zugrunde liegen? Rücken stattdessen die unabschließbaren Prozesse der Gewinnung und Visualisierung von Wissen, von denen ein Werk zeugt, in den Vordergrund?

In einer vielstimmigen Debatte über die Werke als Objekte der materiellen Bearbeitung und Erschließung sollen jene künstlerischen und kunsthistorischen Praktiken diskutiert werden, die Werke zuerst entstehen lassen – oder sie dann als „epistemische Dinge“ (H.-J. Rheinberger) besonderer Art neu zur Diskussion stellen.

Margarete Vöhringer, Göttingen / Michael F. Zimmermann, Eichstätt-Ingolstadt

 

10. Objektdigitalisierung: Methoden und Perspektiven

Die Form eines Artefakts zeugt nicht nur von seinen Gebrauchsmöglichkeiten, sie erlaubt auch Rückschlüsse auf das Verhalten des Produzenten, seine Kenntnisse und Erfahrungen. Diese formanalytische Vorgehensweise lässt sich besonders gut mit digitalen Methoden erfassen und rekonstruieren.

Im Zentrum der Sektion soll die Objektdigitalisierung als Bestandteil einer intensiven Materialerschließung stehen, mit dem Ziel, die Voraussetzungen für die historische Wahrnehmung der Objekte im Sinne einer Mikrohistorie („Dinggeschichte“, „Objektbiographie“) zu bestimmen und die damit verbundenen Schematisierungen und ihren wissenschaftlichen Nutzen zu reflektieren. Die Herausforderungen der Objektdigitalisierung, die zurzeit diskutiert werden, betreffen v.a. drei Bereiche:

  1. Methodendiskussion der Digitalisierungs­verfahren
    Wie lässt sich die materielle Qualität eines Artefakts umfassend dokumentieren und standardisieren? Welches Verfahren ist für das jeweilige Objekt angemessen? Wie lassen sich die Verfahren automatisieren, ohne auf konservatorische und restauratorische Sorgfalt zu verzichten?
  2. Analysemöglichkeiten
    Welche Forschungsfragen lassen sich mit der Digitalisierung verfolgen? Wie und in welchem Umfang sind formanalytische Ansätze durch die Digitalisierung stringenter nachvollziehbar? Lassen sich Artefakte mit digitalen Methoden der Mustererkennung nonverbal erfassen und in welcher Exaktheit? Welche neuen Erkenntnismöglichkeiten ergeben sich aus der Digitalisierung?
  3. Auswirkungen auf das kunsthistorische Arbeiten
    Welche hermeneutischen Implikationen, die durch die Veränderungen der digitalen Arbeitsweise bedingt sind und den Objektwissen­schaften gleichermaßen veränderte Sehgewohnheiten abverlangen, bringt die Objekt­digitalisierung mit sich? Welche Veränderungen haben sich bereits im Umgang mit digitalen Visualisierungen ergeben? Was lässt sich daraus für die Zukunft folgern?

Die Sektion will also Methoden und Perspektiven der Objektdigitalisierung in der Kunstgeschichte, aber auch in anderen Objektwissenschaften diskutieren. Dabei sind Beiträge erwünscht, die einige der genannten Herausforderungen adressieren und an einem Best-Practice-Beispiel verdeutlichen.

Martin Langner, Göttingen / Stephan Hoppe, München

Berufsgruppen

Berufsgruppe Hochschulen und Forschungsinstitute: Zum Status der Objekte in der kunsthistorischen Forschungspraxis

Die jüngere kultur- und geisteswissenschaftliche Forschung ist von einer befremdlichen Zwiespältigkeit geprägt: Im Zentrum der jüngeren Theoriebildung steht eine Rehabilitierung der Dinge, Bilder und Artefakte, die nicht mehr nur als Zeichenträger, als Gegenstände subjektiver Konstruktionen oder als lediglich instrumentell-materielle Bedingungen menschlichen Handelns verstanden werden. Mit sehr unterschiedlichen Begründungen und Akzentuierungen ist vielmehr der irreduzible Anteil der Objekte an der Konstitution von individuellen Handlungen und von sozialen Interaktionen betont worden.

Während auf theoretischer Ebene mithin ein Ruf zurück zu den Dingen zu vernehmen ist und deren Materialität nachdrücklich in den Blick kommt, zeichnen sich in der Forschungspraxis, in den wissenschaftlichen Institutionen und in den Förder­programmen nur allmählich Veränderungen ab, die den jüngeren theoretischen Einsichten gerecht werden. Wie aber müssten wir jene Orte und Situationen gestalten, die es uns erlauben, mit der ‚Herausforderung des Objekts‘ und mit dessen Materialität Ernst zu machen? Muss nicht gerade die universitär-akademische Kunstgeschichte dazu neue Formen der Zusammenarbeit mit Museen, namentlich mit Kuratoren und Restauratoren, oder mit der Denkmalpflege suchen? Und müssten wir nicht unsere Lehrpläne, Forschungsagenden und Förderformate überdenken?

Das Treffen der Berufsgruppe versteht sich als Einladung, darüber nachzudenken, wie wir unsere eigene Forschungspraxis und deren institutionelle Rahmenbedingungen weiterentwickeln können. Im Zentrum steht daher nicht vorrangig die Diskussion aktueller theoretischer Positionen; vielmehr sollten Beiträge zur Berufsgruppe nach geeigneten Praktiken und Arbeitsformen fragen, die den neueren theoretischen Herausforderungen und Einsichten entsprechen können. Dabei kann es sinnvoll sein, exemplarische jüngere Forschungsprojekte auf ihre Potenziale und Probleme hin zu befragen. Ebenso sind aber auch Beiträge erwünscht, die ausgehend von aktuellen Ansätzen („material culture studies“, Akteur-Netzwerk-Theorie, Praxistheorie, Kultur­technik­forschung, Spekulativer Realismus etc.) deren Übersetzbarkeit in eine wissen­schaftliche Arbeitspraxis zur Diskussion stellen.

Johannes Grave, Bielefeld / Helga Lutz, Bielefeld

 

Berufsgruppe Museen: Museumsdinge – Herausforderungen und Perspektiven

Allgegenwärtig sind Veranstaltungen und Veröffentlichungen zur aktuellen und nicht selten als reformbedürftig angesehenen Situation der Museen sowie Ausblicke auf das „Museum der Zukunft“. Wenn die Museen auch zukünftig ihre gesellschaftliche Bedeutung bewahren möchten, so müssen sie sich den gegenwärtigen Herausforderungen der Digitalisierung und Ökonomisierung stellen.

Neuaufstellung und Herausforderungen der Institution Museum werden intrinsisch – wie etwa im Rahmen der Jubiläums­tagung des Deutschen Museumsbunds 2017 – bereits verhandelt, aber eine eigene Positionierung der Berufsgruppe Museen des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker hinsichtlich zentraler Fragestellungen ist gleichfalls bedeutsam und unerlässlich, um die Veränderungs­prozesse aktiv zu gestalten. Diese kann aus allein­stellendem Blickwinkel geschehen: aus der Sicht der Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker, die an den Museen in unterschiedlicher Funktion tätig sind. Hinzu treten Beiträge der Kolleginnen und Kollegen der Hochschulen und freien Berufe, die sich zu einem vielstimmigen und differenzierten Meinungsbild runden. Dabei verdient besondere Beachtung, dass die Wahrnehmung unseres Faches ganz wesentlich über die Museen erfolgt; dort trifft unser Fach – und dabei nicht zuletzt die wissenschaftliche Forschung – auf ein breites Publikum und hohes öffentliches Interesse. Daher gilt es, fachlich Position zu beziehen; dabei sollten nicht nur andernorts diskutierte Problemstellungen aufgegriffen, sondern auch weitere identifiziert und formuliert werden – darunter bevorzugt solche, die aus dezidiert kunsthistorischer Sicht Relevanz besitzen.

Eine Offenheit hinsichtlich der Themenwahl sowie die Beteiligung der Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Arten von Museen und den verschiedenen Berufsgruppen sind gewünscht. Das Thema des Kunst­historiker­­tages stellt das Objekt in den Mittelpunkt der Betrachtung, womit das das Museum konstituierende Element, gleichsam seine „raison d’être“, angesprochen ist. Dement­sprechend zahlreich sind die zu adressierenden Fragestellungen. U.a.: Welche Bedeutung hat das Objekt in der musealen Praxis? Welche Bedeutung hat heute (noch) die Forschung im musealen Kontext? Welche Möglichkeiten der Präsentation bieten sich – nicht zuletzt im Hinblick auf erweiterte Präsentations- und Vermittlungs­möglichkeiten des digitalen Zeitalters? Und weiter ausgreifend: Sind die tradierten Aufgabenstellungen und das Selbst­verständnis des Museums in der Tat so reformbedürftig wie zuletzt zunehmend behauptet? Hat dies Konsequenzen für Funktion, Inszenierung und Rezeption der Objekte?

Marcus Dekiert, Köln

 

Berufsgruppe Denkmalpflege: Junge Dinge – neue Objekte und Perspektiven im Denkmalschutz

Die Berufsgruppe Denkmalpflege des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker lädt dazu ein, über Aktuelles aus dem Fach zu diskutieren und nach dem Beitrag der Kunstgeschichte zu fragen. Welche Impulse kann und soll die Kunstgeschichte bzw. Kunstwissenschaft dem Fachgebiet Denkmalpflege geben und welche Forderungen sind aus Sicht dieser Wissenschaft zu stellen, gerade in Abgrenzung zu den in der Denkmalpflege tätigen Architektinnen und Architekten? Da Denkmalpflege und Denkmalschutz gegenüber einer breiten Öffentlichkeit, Politik und Verwaltung bekanntlich unter permanentem Recht­fertigungs­­druck stehen, sind kunsthistorische Argumente und Strategien eine wünschenswerte Unterstützung.

Ein Dauerthema ist die Umsetzung kunstwissen­­schaftlicher Forschungsergebnisse in Qualitätskriterien als Grundlage zur Feststellung der Denkmaleigenschaft. Hier könnte sich der Blick z. B. auf die Epoche der 1970er und 1980er Jahre richten. Angesichts eines anhaltenden Baubooms geraten Bauten und Anlagen, die erst 30 bis 35 Jahre alt sind, unter erheblichen Veränderungsdruck, noch bevor eine systematische Sichtung und Würdigung erfolgt sind.

Auch die konsequente Anwendung eines auf Zeitschichten beruhenden Denkmalbegriffs gerade für das Bauerbe des 19. bis 20. Jahrhunderts muss diskutiert werden. Sind jenseits der „originalen Substanz“ Konglomerate ein eigenständiger Wert, und wie beeinflussen Veränderungen das Objekt, das Denkmal ist oder Denkmal werden könnte? Veränderungen an älteren Bauten gelten oft als deren feste Bestandteile, doch was ist mit solchen Konglomeraten im 20. Jahrhundert?

Die Berufsgruppe lädt ausdrücklich auch jüngere Kolleginnen und Kollegen zu Beiträgen aus Forschung und Praxis ein.

Martin Bredenbeck, Köln / Christina Mayer, Luxemburg

 

Berufsgruppe Freiberufler und Selbständige: Was ist meine Arbeit wert und was zahlt der Markt? – Honorare für freiberuflich Tätige und Selbständige

Honorare sind ein zentrales Thema für freiberuflich Tätige und Selbständige. Zwar gehört die Kultur- und Kreativwirtschaft mit einer Bruttowertschöpfung von 98,8 Mrd. EUR zu den stärksten Märkten in Deutschland, und sie hat einen doppelt so hohen Anteil am Bruttosozialprodukt wie die Chemieindustrie, dennoch ist der Anteil der geringfügig Beschäftigten in diesem Bereich mit 32% außerordentlich hoch. Wer den Weg in die Selbständigkeit geht, hat es mit einem sehr heterogenen Marktfeld zu tun. Anders als etwa bei der Ärzte- oder Rechts­anwaltschaft sind Honorare von Kunst­historiker­innen und Kunsthistorikern nicht über berufsständische Kammern mit ihren Standesordnungen geregelt, zudem ist der Zutritt zur beispielsweise günstigen Künstlersozialkasse erschwert. In der Beratung für Freiberuflerinnen und Freiberufler konstatieren wir demnach eine viel zu niedrige Honorierung für kunsthistorische Dienstleistungen.

Dabei fehlt vielen Einsteigern in die Selbständigkeit ein komplexes Wirtschafts­verständnis bei der Akzeptanz eines oft auch in Ausschreibungen der öffentlichen Einrichtungen angesetzten Dumping-Honorars. Erst während eines Auftrages stellen sich Freiberufler dann notwendige Fragen wie diese: Verdiene ich überhaupt etwas? Wie kalkuliere ich den Wert meiner Arbeit? Was bestimmt den Marktwert meiner Leistung? Wer hier nicht aufpasst, riskiert die Erschöpfung oder sogar den Abbruch des eingeschlagenen selbständigen Weges.

Beim Treffen der Berufsgruppe Freiberufler und Selbständige im Verband Deutscher Kunsthistoriker wollen wir uns daher ausführlich mit dem Thema Honorar und Sozialversicherung beschäftigen. Wir wollen den Fragen nachgehen, wie Preise entstehen und welche Gründe es für Dumping-Honorare geben kann.

Was können wir als Verband gegen solche Praktiken tun? Wie verhandeln wir Freiberufler angemessene Honorare? Worauf müssen wir achten, wenn wir in die Künstlersozialkasse wollen? Gibt es Alternativen? Wie können wir uns besser vernetzen und über unseren Verband stärker solidarisieren?

Die Berufsgruppe beteiligt sich diesmal nicht an der Ausschreibung zur Einreichung von Referatsvorschlägen, sondern lädt gezielt Expertinnen und Experten ein, die u.a. zur Preisentstehung im Markt und zur Künstlersozialkasse referieren und diskutieren werden. Die Berufsgruppe wird in Göttingen überdies mit dem „Gründersalon des Verbandes Deutscher Kunsthistoriker“ einen Anlaufpunkt für den gemeinsamen Austausch bieten.

Anne Fischer, Murnau / Holger Simon, Köln

Arbeitskreise

Arbeitskreis Kunstgeschichte und Bildung: Zu den Dingen – An Objekten lehren und lernen

Der Arbeitskreis Kunstgeschichte und Bildung im Verband Deutscher Kunsthistoriker fragt nach dem Beitrag und der Verantwortung der Kunstgeschichte in Bildungsprozessen. Das betrifft die Arbeitsfelder der Lehrerbildung und der Schule ebenso wie der Museumspädagogik oder der noch immer nicht wirklich institutionell verankerten Denkmalpädagogik. Es geht aber auch um Wissen­schafts­kommunikation in Bildungskontexte hinein. Und schließlich stehen die Rückkoppelungen von allgemeinen Diskussionen um Bildungs­gerechtigkeit, Inklusion, aber auch Partizipation und „sharing heritage“ in die fachwissenschaftlichen Diskurse zur Debatte. So stellen die kulturell, religiös und sozial heterogenen Gruppen, wie sie beispielsweise an Schulen längst gesellschaftlicher Alltag sind, eine Herausforderung für ein Fach dar, das vielerorts noch immer einen monokulturell codierten Bildungskanon zur Norm erhebt.

Im Kontext des Göttinger Kunsthistorikertages soll konkret nach den Möglichkeiten und Potentialen der Vermittlung von Objekten gefragt werden: Welche Potentiale besitzen konkrete Objekte in ihrer Materialität für Vermittlungskonzepte? Welche Kompetenzen werden benötigt, um sie zum „Sprechen“ zu bringen? Welche Methoden, welche Vermittlungswege und -konzepte eröffnen Zugänge zu den Erkenntnispotentialen von Objekten?

Der Arbeitskreis versteht sich als Diskussionsforum, in dem Projekte zur Diskussion gestellt werden können, das aber zugleich auch Raum für die übergreifenden Fragen eröffnet. Erwünscht sind Vorschläge für 20-minütige Beiträge, die explizit objektbasierte Konzepte und Projekte vorstellen und reflektieren.

Martina Sitt, Kassel / Barbara Welzel, Dortmund

 

Arbeitskreis Digitale Kunstgeschichte

a) Digital zu den Dingen

Geisteswissenschaftliches Arbeiten auf der Basis von digitalen Daten und digital basierte Kommunikation stellen inzwischen auch im Fach Kunstgeschichte eine dynamisch wachsende Praxis dar. Während digitale Repräsentationen von Bau- und Kunstwerken – wie seinerzeit Stichwerke oder die Fotografie – zunächst stets ein nachgeordnetes mediales Substitut der Dinge selbst sind, kann in den neuen Formaten aufgrund ihrer datentechnischen Komplexität weitaus mehr erfasst, gespeichert und vermittelt werden, als auf einem der traditionellen zweidimensionalen und analogen Bilder. Die „Dinge“ melden sich also mit vielfältigeren Aspekten als zuvor im digitalen Medium zu Wort.

Als Folge ist von einer komplementären Ergänzung von Objektnähe und digitaler Abbildung auszugehen, und es ist sogar zu beobachten, dass gerade im Rahmen der Digitalisierung das Interesse an der Materialität und Objekthaftigkeit von Kunst in jüngerer Zeit gestiegen ist.

Die Veranstaltung des Arbeitskreises Digitale Kunstgeschichte im Verband Deutscher Kunsthistoriker ist als Sitzung mit vier Vorträgen geplant, die Aspekte des Themas „Digital zu den Dingen“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln und besonders im Hinblick auf praktische Arbeitsfelder im Fach diskutieren.

Wir bitten um Bewerbungen für folgende Themen (es können eigene Vortragstitel gewählt werden):

  1. Rekonstruktion und Repräsentation – Bild, Raum, Zeit, Virtual Reality (Themenfeld: Digitale Repräsentation, Formate der drei- und mehrdimen­sionalen Rekonstruktion und Repräsentation von Architektur und Arte­fakten und ihr Einsatz im wissenschaftlichen Kontext)
  2. Die Werke, die wir meinen – Kunstwerke und Forschungsdaten standard­konform erfassen und adressierbar machen
    (Themenfeld: Digitale Datenmodellierung und Objektbeschreibung, Norm­datenanwendung, interdisziplinäre und internationale Interoperabilität)
  3. Was wir nicht sehen – Kunst­technologische Untersuchung und ihre digitale Dokumentation
    (Themenfeld: Erfassung kunst­techno­logischer und material­bezogener Aspek­te sowie deren Integration in kunsthistorische digitale Forschungs­­infra­­strukturen)
  4. Zu den Dingen, oder weg davon? Digitale Vermittlung von Architektur und Kunst
    (Themenfeld: Vermittlung kunsthistorischer Fragestellungen innerhalb und außerhalb von Denkmalstätten und Museen mit digitalen Technologien)

Wir ermuntern besonders Vertreterinnen und Vertreter einschlägiger Einrichtungen (Museen, Forschungsinstitute) oder aus Facharbeitsgruppen zu Beiträgen aus ihrer aktuellen Praxis, die über eine Projektvorstellung hinausgehen.

Peter Bell, Erlangen / Stephan Hoppe, München / Georg Schelbert, Berlin

 

b) #arthistoCamp: Digitale Forschung zu den Dingen

Am Vortag des Deutschen Kunsthistorikertages (26. März 2019, 10–18 Uhr) organisieren der Arbeitskreis Digitale Kunstgeschichte des Verbandes und der Lehrstuhl für Klassische Archäologie und ihre digitale Methodik an der Georg-August-Universität Göttingen als Vorkonferenz ein BarCamp zum Thema „Digitale Forschung zu den Dingen“.

Wir laden zu diesem BarCamp ein, um in Workshops, Vorträgen und Diskussionsrunden zu Fragen der digitalen Modellierung von Wissen, ihre digitale Distribution und der digitalen Erzeugung von Erkenntnis und Wissen in den objektorientierten Wissenschaften wie der Kunstgeschichte und Archäologie zu diskutieren.

BarCamps sind sogenannte „Unkonferenzen“, auf denen das Programm und die konkreten Themen erst am Tag selbst von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern festgelegt werden. Das Format der BarCamps eignet sich besonders gut, ein Thema in seiner Breite anzugehen und vom Bedarf der Anwesenden auszugehen. Für das leibliche Wohl, Räume und Moderationsmaterialien wird gesorgt sein. Eine Anmeldung ist aus organisatorischen Gründen notwendig und wird Ende 2018 möglich sein.

Foren

Die Foren sind seit 2007 fester Bestandteil des Programms der Kunsthistoriker­tage und bieten interessierten Kolleginnen und Kollegen in erster Linie eine Möglichkeit, sich weiter zu vernetzen. Neben dem internen Austausch ist auch die Gelegenheit zur Bekanntmachung spezifischer Themen gegenüber einer breiteren Kollegenschaft gegeben. Das Angebot des Verbandes zur Veranstaltung von Foren im Rahmen der Kunsthistorikertage stößt mittlerweile auf derart große Resonanz, dass ihre Umsetzung an logistische Grenzen kommt. Aus diesem Grunde ist es fortan notwendig, zur Ausrichtung eines Forums kurze Bewerbungen in Form von Konzept­papieren einzureichen.

Pro Sitzung wird voraussichtlich ein Zeitfenster von knapp zwei Stunden zur Verfügung stehen. Auf die inhaltliche Gestaltung der Foren, die bei den interessierten Mitgliedergruppen liegt, nimmt der Verband keinen Einfluss. Gleichwohl wünscht sich der Verband einerseits eine bessere Anbindung an die Rahmenstruktur der Tagung und andererseits während der Tagung zur Verfügung stehende Kontaktpersonen für neu hinzukommende Kolleginnen und Kollegen. Außerhalb der eigentlichen Sitzung ist daher eine Gesprächslounge geplant, die zu abgestimmten Zeiten als Anlaufstelle dienen soll.

Die einzureichende Interessens­bekundung soll eine kurze Zusammenfassung der geplanten inhaltlichen Gestaltung des Forums und eine Ablaufskizze beinhalten. Die Forumsleitung soll in der Hand von zwei Personen liegen, die Mitglieder im Verband Deutscher Kunsthistoriker sind. Gerne werden auch weiterführende Anregungen entgegengenommen, wie sich eine intensivere Zusammenarbeit zwischen den Foren und dem Verband auch außerhalb der Kunsthistoriker­tage gestalten könnte. Sofern die Mitgliedergruppen kein publikums­orientiertes Forumsprogramm anbieten möchten, kann z. B. zur Besprechung organisatorischer Belange in begrenztem Umfang alternativ ein Veranstaltungsraum für ein solches Treffen zur Verfügung gestellt werden.